Was will Libra werden?

Autor: Dirk Elsner
Cryptotoken on blue binary code backgroundFoto: Getty Images: Caiaimage/Adam Gault

Libra hat bereits viele Schlagzeilen produziert. Selten haben neben Fachleuten auch so viele Politiker, Notenbanker und Aufseher ausführlich zu einer technologischen Ankündigung Stellung genommen.

Libra und die Libra Association

Auf Initiative von Facebook will ein Konsortium aus derzeit 28 Unternehmen verschiedener Branchen, Investoren und anderer Organisationen (es können bis zu 100 Teilnehmer werden) über die in Genf ansässige Libra Association die technische, rechtliche und konzeptionelle Basis für ein neues Zahlungsmittel schaffen. Die Libra Association bezeichnet sich selbst als eine unabhängige, gemeinnützige Organisation und soll den Betrieb der Libra-Blockchain (dazu gleich mehr) sicherstellen. Unter den bisher 28 Partnern sind bekannte Namen wie Paypal, Mastercard, Visa, Spotify, Uber und Booking.

Libra möchte digitales Zahlungsmittel werden

Libra möchte laut Whitepaper einen globalen und für alle Menschen uneingeschränkten Zugang zu Finanzdienstleistungen mit niedrigen Transaktionskosten. Um das zu ermöglichen, soll Libra ein durch Vermögenswerte unterlegter, kryptografisch gesicherter, digitaler Token werden. Ein Token, der Begriff kann mit Wertmarke übersetzt werden, repräsentiert dabei bestimmte Vermögensansprüche und Rechte in digitaler Form.

Vertraut man der Technologie und der Institution, die die Transaktionen verifiziert, dann können so Rechte über materielle und immaterielle Güter manipulationssicher, dezentral und digital dokumentiert und vor Fälschung und Duplikation geschützt werden.

Libra möchte sich durch eine Währungsreserve sichern aber keine Währung sein

Viele derzeit gehandelte Kryptoassets schwanken sehr stark in den Preisen (gut zu verfolgen auf der Seite von Coinmarketcap). Das hat viele Ursachen, eine davon ist, dass faktisch unklar ist, welche Ansprüche der Besitzer eines solchen Tokens hat. Viele repräsentieren also keine hinterlegten Werte, sondern leben nur von der Erwartung, dass man sie auch künftig verwenden kann. Libra dagegen soll durch eine hinterlegte Währungsreserve vor starken Wertschwankungen geschützt werden. Es heißt, jeder ausgegebene Libra sei gesichert durch Währungsguthaben und Wertpapiere in US-Dollar, Euro, Yen und britische Pfund. Ein digitaler Token repräsentiert damit faktisch einen Anteil an einem Fonds, der ähnlich wie ein Geldmarktfonds funktioniert und sein Geld in Bankguthaben und Finanzanlagen anlegt. Risikolos ist das bekanntlich nicht, denn Finanzanlagen könnten an Wert verlieren. Dieses Risiko tragen die Besitzer von Libra.

Libra ist keine Währung, denn der Währungsbegriff ist nach dem Verständnis der Bundesbank an das Geldwesen eines Staates bzw. wie beim Euro an eine bestimmte Region geknüpft. Eine “Währung” wird also von einer staatlichen Stelle ausgegeben.

Die Calibra Wallet von Facebook für WhatsApp und Messenger

Facebook selbst entwickelt über das Tochterunternehmen Calibra eine eigene Wallet, also eine Art digitales Portemonnaie, um Zahlungen zu empfangen, aufzubewahren, zu versenden und umzutauschen. In zwei Anhörungen vor dem US-Kongress (Links dazu unten) betonte David Marcus, der Chef von Calibra, man wolle über Facebook und Calibra keine weiteren Bankdienstleistungen anbieten. Calibra soll in die Facebook-Dienste WhatsApp und Messenger integriert werden. Konkret bedeutet dies, Nutzer dieser Dienste können dann daraus in Libra zahlen und Zahlungen empfangen. In Asien ist das mit dem Dienst WeChat schon lange möglich, allerdings nicht mit einem künstlichen Zahlungsmittel.

Facebook will laut der Senatsanhörung nicht erlauben, dass Banken und andere Dienstleister ihre jeweils eigenen Wallets in WhatsApp und Facebook Messenger einbauen können. Kunden, die also per WhatsApp Geld versenden wollen, müssen sich damit persönlich und mit Ausweisdokumenten bei Calibra identifizieren. Die bisherigen Registrierungen für Facebook und WhatsApp reichen dazu keinesfalls aus. Aber auch wer nicht via WhatsApp oder Facebook Messenger bezahlen will, wird dies tun können. Es ist zu erwarten, dass es Wallets von verschiedenen Anbieter geben wird. Und es wird ähnlich wie bei einem Bankkonto möglich sein, von der Wallet des Anbieters A an die des Anbieters B zu überweisen und von dort Zahlungen zu empfangen.

Libra will Basis für ein Ökosystem werden

Das Konsortium betont, dass Dritte ausdrücklich eingeladen sind, die Infrastruktur z.B. mit eigenen Wallets zu nutzen und Dienstleistungen dafür zu entwickeln. Auch wenn der unmittelbare Zugang zu den marktbeherrschenden Messenger-Diensten beschränkt wird, werden Banken, Finanzdienstleister und andere Unternehmen sogar aufgerufen, weitere Bankdienstleistungen auf Basis der Libra Blockchain zu erstellen. Manche erwarten daher ein neues Ökosystem aus Bezahlverfahren und rechtssicherer  n dem sich künftig immer mehr Finanzdienstleistungen wiederfinden (WeChat aus Asien lässt grüßen). Dazu könnten neben verschiedenen Formen der Zahlungsabwicklung auch die Geldanlage, die Aufnahme von Krediten, der Kauf von Wertpapieren oder der Abschluss von Versicherungsdienstleistungen und viele weitere Dienstleistungen gehören.

Offene Regulierungsdiskussion

 Politiker, Notenbanker und Aufseher diskutieren derzeit ausführlich  über Libra (eine Auswahl findet sich hier und hier im Handelsblatt sowie hier im BitcoinBlog). Dr. Siegfried Utzig vom Bankenverband rechnet damit, dass mit der Deckung durch staatliche Wertpapiere in stabilen Währungen Libra als Reserve-Währung rasch zu einem Anlagevolumen im dreistelligen Milliardenbereich vorstoßen könnte. Damit würde Libra zu einem systemrelevanten Teilnehmer auf den internationalen Finanzmärkten. Bundesbankpräsident Jens Weidmann steht laut Spiegel Online der Idee von Digitalwährungen offen gegenüber. Er wird so zitiert: „Wenn sie halten, was sie versprechen, könnten sie für Endverbraucher durchaus attraktiv sein“

Es ist derzeit offen, wie diese Regulierungsdiskussionen weitergehen. Es wäre nicht überraschend, wenn sich der Start dadurch verzögern würde. Facebook selbst will mit Calibra die bestehende Finanzmarktregulierung einhalten. Allerdings ist derzeit noch nicht klar, welche der vielen unterschiedlichen Regulierungsbehörden national und international mit welchen Vorschriften zuständig sind. Daneben ist offen, wie Libra selbst bzw. die Libra-Association beaufsichtigt werden. Die rechtlichen Beschränkungen haben zum Beispiel in Indien dazu geführt, dass hier Libra vorerst nicht verwendet werden kann.

Wird Libra wirklich 2,5 Milliarden Nutzer bekommen?

Es wird oft geschrieben (z.B. hier), dass Libra alleine durch die Gründungsmitglieder und insbesondere die enge Kopplung an Facebook und die Calibra Wallet vom Moment des Starts an fast 2.5 Mrd. Nutzer erreichen könne. Allerdings hat keiner der Nutzer von Plattformen wie Facebook, WhatsApp oder Spotify bisher einen regulatorisch notwendigen Identifizierungsprozess mitgemacht. Im Klartext heißt dies, jeder der eine Wallet von Facebook und Co. nutzen möchte, wird sich dort mit Identitätsnachweisen erneut registrieren müssen. Daher dürfte es einige Zeit dauern bis die Zahl erreicht ist.

Libra möchte gern die Zahlungsabwicklung für Remittance Payment erleichtern, also Zahlungen von hier lebenden Menschen an Personen außerhalb der westlichen Industriestaaten. Dies erfordert aber, dass erhaltenen Zahlungen zu fairen Kursen in die jeweiligen Heimatwährungen umgetauscht werden können oder in den Empfängerländern eine Zahlungsinfrastruktur entsteht, die es erlaubt, mit Libra zu zahlen. Auch dies muss noch aufgebaut werden.

Für die Vertiefung

Als Basislektüre empfiehlt sich der Fachaufsatz „Krypto- Token im Zahlungsverkehr und in der Wertpapierabwicklung“ im Juli Monatsbericht der Bundesbank.

Wer sich vertieft einlesen möchte, dem sei das gut lesbare Whitepaper der Libra Association empfohlen, das auch in deutscher Sprache erschienen ist. Es verweist an vielen Stellen außerdem auf Vertiefungsdokumente.

Daneben sind insbesondere folgende Podcasts empfehlenswert, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen:

  1. Payment and Banking: Libra – Facebooks neue Währung
  2. Mikroökonomen: Wird Facebook mit Libra die Welt beherrschen?
  3. PayTechTalk 42 – Volkswirtschaftliche Implikationen von Libra
  4. Podcast Reihe zu Libra von Bitcoin, Fiat & Rock’n’Roll

Video: Fachdiskussion vom Bankenverband am 12.7.2019 im TechQuartier mit

  • Michael Spitz, CEO Main Incubator
  • Prof. Philpp Sandner, Leiter Frankfurt School Blockchain Centers
  • Dr. Siegfried Utzig, Direktor Bankenverband
  • Dirk Schrade, Stv. Leiter Zahlungsverkehr und Abwicklungssysteme, Bundesbank

Wer tiefer in viele gesellschaftspolitische, regulatorische und datenschutzrechtliche Fragestellungen einsteigen möchte, der kann sich die in englischer Sprache die Anhörungen von Calibra Chef David Marcus vor

Ich selbst habe mich in einer Kolumne für Capital unter dem Titel “Nische oder Systemrelevanz: Wird Libra ausgebremst?” mit dem Thema befasst.  Außerdem gibt es eine ausführliche Darstellung vom Core Techmonitor, die erschienen ist unter dem Titel Globale, digitale Währung – Utopie, Dystopie oder Liberation? 

24. Juli 2019, 15:31 Uhr

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