Digitale Zentralbankwährungen (Teil 3 von 5): Geldpolitischer Spielraum und weitere Anreize

Autor: Gastautor

Autor der Gesamt-Studie ist Sören Hettler, Devisenanalyst DZ BANK AG.

Rückblick Teil 2:

  • Motivation: Wieso ziehen Zentralbanken CBDCs in Erwägung? Abwehrreaktion auf Libra als ein Beweggrund von vielen zugunsten von CBDCs.
  • Geänderte Anspruchshaltung der Bürger, denn Bargeld gilt bei vielen als nicht mehr zeitgemäß.
  • Bargeld gewährleistet der Öffentlichkeit den Zugang zu Zentralbankgeld, jedoch läuft digitales Geld Bargeld zumindest perspektivisch den Rang ab, womit Bürger den Zugang zu Zentralbankgeld verlieren würden.
  • Zahlungssysteme neigen zur Bildung von natürlichen Monopolen, die Sicherstellung von Konkurrenz ist daher hilfreich und notwendig.
  • Transaktionen über die Grenzen eines Währungsraums hinaus gelten derzeit als ineffizient. Mithilfe einer CBDCs könnten diese Zahlungsvorgänge beschleunigt und günstiger abgewickelt werden.

Zusätzlicher geldpolitischer Spielraum im Niedrigzinsumfeld

Die meisten Zentralbanken nutzen einen oder mehrere Leitzinsen als maßgebliches Steuerungsinstrument ihrer Geldpolitik, um damit vor allem kurzfristige Zinssätze an den zugehörigen Finanzmärkten zu beeinflussen und Impulse für die gesamte Volkswirtschaft zu setzen. Bei diesem Transmissionsprozess sind die Währungshüter darauf angewiesen, dass Geschäftsbanken die eingeschlagene Stoßrichtung weitergeben und bei den Einlage- sowie den Kreditzinsen berücksichtigen. Mithilfe einer digitalen Zentralbankwährung könnte dieser Transmissionskanal direkter gestaltet werden, sofern diese – im Gegensatz zu Bargeld – verzinst wird. So sollte ein restriktiver Impuls in Form einer Leitzinserhöhung eine Anhebung des Zinssatzes für CBDC-Einlagen nach sich ziehen. Dies dürfte einen direkten Einfluss auf die Verzinsung von Sichtguthaben bei den Geschäftsbanken haben, sind diese doch daran interessiert, dass Sparer ihre Einlagen nicht in Richtung Zentralbank umschichten. Dabei würde der Zinssatz für risikolose CBDCs nicht nur eine Untergrenze für die Einlagenverzinsung, sondern auch für den vorherrschenden kurzfristigen Geldmarktsatz darstellen

Eine besondere Bedeutung erfährt dieser Ansatz im derzeitigen Niedrigzinsumfeld mit Blick auf die Nullzins-Untergrenze („Zero Lower Bound“). Diese besagt, dass der Leitzins bzw. die Verzinsung von Einlagen nicht unter eine gewisse Schwelle im negativen Bereich fallen kann, da Guthaben ab dieser Grenze nach und nach durch zinsloses Bargeld ersetzt werden. Sollte diese „Fluchtmöglichkeit“ nicht mehr bestehen, da zumindest „große Scheine“ weitestgehend verschwunden sind oder mit Einführung von digitalen Zentralbankwährungen abgeschafft wurden, ist der Weg nach unten für das kurzfristige Zinsniveau – theoretisch unbegrenzt – frei. Geschäftsbanken müssten zudem nicht mehr fürchten, Kunden zu verlieren, wenn sie negative Einlagezinsen erheben, könnten sie doch auf den CBDC-Zins als Vergleichsgröße verweisen.

Während negative (Leit-) Zinsen in einigen Währungsräumen mittlerweile zur Gewohnheit geworden sind, ist die Idee des sogenannten Helikoptergeldes momentan kein Thema (mehr). Dies dürfte zwar einerseits daran liegen, dass angesichts weltweit überwiegend positiver Inflationsraten der Bedarf an „innovativen“ geldpolitischen Instrumenten abgenommen hat. Zum anderen stellt sich bei der Diskussion um Helikoptergeld aber auch immer wieder die Frage, wie die zusätzliche Geldmenge an die Bürger adäquat verteilt werden könnte. CBDCs hätten das Potenzial, dieses Problem zu lösen. Gerade im Falle eines kontenbasierten digitalen Zentralbankgeldes sollte ein Großteil der Bevölkerung über ein entsprechendes Konto verfügen. Folglich könnte Geld direkt und vergleichsweise einfach gutgeschrieben werden.

Weitere Anreize zugunsten digitaler Zentralbankwährungen

Die Bereitstellung und Nutzung von Bargeld stellt für eine Volkswirtschaft einen nicht zu unterschätzenden Kostenfaktor dar. Diese Kosten fallen nicht nur bei der Zentralbank an, die Geldscheine drucken lassen und deren Fälschungssicherheit gewährleisten muss. Vielmehr sind darüber hinaus Geschäftsbanken, Einzelhändler und die Bürger selbst betroffen. So muss Bargeld besonders gesichert zum Geldautomat oder der Bankfiliale transportiert werden, wo es vom Bürger vor Ort abgeholt wird. Beim Einkauf müssen Scheine und Münzen vergleichsweise aufwändig kassiert, sortiert und bis zum Abtransport sicher aufbewahrt werden. Und natürlich muss auch für ausreichend Wechselgeld vorgesorgt werden. Schätzungen gehen davon aus, dass Bargeld Kosten von jährlich rund 0,5% gemessen am Bruttoinlandsprodukt verursacht. Allein für den Euroraum wären dies fast 60 Mrd. EUR. Kostenlos wäre zwar sicherlich auch eine digitale Zentralbankwährung nicht. Einsparungspotenziale würde sich aber wohl vor allem ergeben, wenn Scheine und Münzen vollständig ersetzt würden.

Ein vollständiger Ersatz von Bargeld könnte darüber hinaus die Einnahmenseite des Staates verbessern. So wird die Anonymität von Bargeld genutzt, um Steuern zu hinterziehen. Durch eine nicht gänzlich anonyme CBDC ließen sich Geld-Versender und Empfänger in Verdachtsfällen identifizieren, Zahlungsvorgänge – gerade bei einer Blockchain-Lösung – könnten über einen längeren Zeitraum hinweg zurückverfolgt werden. Eine höhere Transparenz im Zahlungsverkehr würde zudem die Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung für die Behörden vereinfachen.

Gerade für Schwellenländer kommt ein weiterer Aspekt hinzu, der die dortigen Notenbanken über die Einführung von CBDCs nachdenken lässt. So stellt für sie die finanzielle Inklusion ihrer Bürger eine enorme Herausforderung dar. Im Gegensatz zu Industrienationen besteht vielerorts kein umfassendes Netz aus konkurrierenden Geschäftsbanken und deren Filialen sowie Geldautomaten. Nach Angaben der Weltbank verfügten im Jahr 2017 etwa 1,7 Mrd. Menschen auf der Erde über keinen oder einen unzureichenden Zugang zum Bankensystem („unbanked“), wobei hiervon insgesamt rund ein Viertel in China und Indien lebt. Befürworter von digitalen Zentralbankwährungen sehen in CBDCs die Chance, diesen Menschen einen vereinfachten, kostengünstigen Zugang zum unbaren Zahlungsverkehr zu ermöglichen und zugleich eine Konkurrenz zu privaten Anbietern zu etablieren, wodurch die allgemein vorherrschenden Gebühren reduziert werden könnten.

Vorschau Teil 4:

  • Mögliche Formen von CBDCs
  • Traditioneller Zugang über Konten oder E-Geld
  • Die Blockchain-CBDC
  • Wesentliche optionale Eigenschaften von CBDCs

Die vorherigen Teile der Reihe:

15. Januar 2020, 10:00 Uhr

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