Libra-Reihe (3 von 4):

Autor: Christoph Korn

Seit einiger Zeit beschäftigen sich die Kollegen aus dem DZ BANK Research intensiv mit Kryptowährungen. Die Mythen um Libra und was es sonst noch so alles zu beachten gilt sind das Thema des dritten Teils dieser vierteiligen Serie zur Facebook-Währung.

Mythen und was es sonst noch so alles zu beachten gilt

Das Libra-Projekt kann durchaus positive Effekte auf die Wirtschaft weltweit haben. Sollte es tatsächlich gelingen, einer Vielzahl von Menschen den Zugang zu Finanzdienstleistungen oder Krediten zu ermöglichen, denen dieser bislang verwehrt wird, kann deren Wohlstand und damit auch die wirtschaftliche Aktivität in diesen Ländern profitieren.

Zentralbanken hoben zuletzt immer wieder hervor, dass es sich bei Geld um ein natürliches Monopol und bei Geldwertstabilität um ein Öffentliches Gut (definiert durch Nicht-Ausschließbarkeit und Nicht-Rivalität im Konsum) handelt. Folglich handelt es sich bei der Bereitstellung um eine hoheitliche Aufgabe, die von einer zumindest indirekt demokratisch legitimierten, politisch unabhängigen Institution wahrgenommen werden sollte. Die Libra-Initiatoren mögen an dieser Stelle zwar einwenden, dass die Association breit aufgestellt ist und diverse Interessen vertreten sind. An der Dominanz privater Unternehmer mit Gewinnabsicht dürfte dies allerdings nichts ändern. Für die Sichtweise der Zentralbanken spricht, dass die vergangenen Jahrhunderte zahlreiche Beispiele bereithalten, bei denen sowohl privates als auch öffentliches Geld daran gescheitert ist, dass keine unabhängige Instanz mit dem Ziel des längerfristigen Gemeinwohls über die nötigen Machtbefugnisse verfügte.

Wird Libra aufgrund US-fokussierter Investitionen des Reservefonds eine Art Krypto-Dollar?

Die im Reservekorb vertretenen Währungen müssen nicht unbedingt immun sein, wenn innerhalb des Währungsraums Libra zunehmend zur Wertaufbewahrung genutzt wird. Jüngsten Berichten zufolge könnten der US-Dollar und kurzlaufende US-Staatsanleihen den Korb mit einem Anteil von 50% dominieren. Auf den Euro entfielen demnach 18%, gefolgt vom Japanischen Yen (14%), dem Britischen Pfund (11%) und dem Singapur-Dollar (7%). Die Fokussierung auf den US-Dollar dürfte dabei zwei Gründe haben. Neben der globalen Bedeutung des Greenback sollte die Gewinnerzielungsabsicht der an Libra beteiligten Unternehmen in Kombination mit dem höheren Renditeniveau in den USA verglichen mit der EWU oder Japan eine Rolle spielen. Sofern die Libra-Nachfrage aus den genannten Währungsräumen deutlich von den Anteilen am Korb abweicht, würden hiermit Auswirkungen auf den Devisenmarkt einhergehen. Dies gilt zumindest für die Wechselkurse der Korbwährungen untereinander.

Mit dem Besitz von Libra geht jeder Inhaber ein Wechselkursrisiko ein, das unterschiedlich groß ausfällt

Selbst wenn es Libra gelingt, einen sehr stabilen Wechselkurs gegenüber dem Korb aus Euro, Dollar & Co. aufzuweisen, geht jeder Nutzer der Kryptowährung ein Wechselkursrisiko ein. Dies dürfte zuallererst für diejenigen gelten, die stabile, nicht im Korb vertretene Währungen, darunter beispielsweise der Schweizer Franken, die Norwegische sowie die Schwedische Krone oder der Australische Dollar, besitzen und in Libra umtauschen. Aufwertungen, die über einen längeren Zeitraum durchaus signifikant ausfallen können, sind keine Seltenheit. Auch Korbwährungen untereinander können spürbare Kursveränderungen aufweisen. So wertete der Japanische Yen seit Beginn dieses Jahres gut 5% gegenüber dem Euro und rund 1,5% gegenüber dem US-Dollar auf – eine Entwicklung, die Libra nur zum Teil widerspiegeln würde. Als schwach geltende Währungen können darüber hinaus längere Phasen einer Aufwertung verzeichnen. Ein Libra-Inhaber aus einem solchen Land würde demnach Verluste erleiden, sofern er die Kryptowährung in einer solchen Phase zurücktauschen müsste.

Bankbasierte Finanzsysteme könnten ein Refinanzierungsproblem bekommen

Libra könnte den etablierten Refinanzierungsmechanismus für Finanzinstitute beeinträchtigen. Libra-Nutzer dürften zum Kauf der Kryptowährung Bankeinlagen oder Ersparnisse auflösen. Zwar kann ein Teil des Geldes über die Reserve zurück zu den traditionellen Finanzinstituten fließen. Allerdings müssten sich diese dann mit einer Art riesigem Geldmarktfonds auseinandersetzen. Zudem gilt dies lediglich für die im Korb vertretenen Währungen. Nicht auszuschließen ist darüber hinaus, dass der Reservefonds versuchen wird, finanzielle Mittel direkt bei der Zentralbank zu parken. Bei den nicht im Korb vertretenen Währungen fällt der stabilisierende Effekt über den Reservefonds weg. Hier kommt es demnach vorrangig darauf an, wer die im ersten Schritt aufgelösten Einlagen und Ersparnisse schlussendlich hält und wofür sie verwendet werden. Einen Risikofaktor für die Refinanzierung stellt diese Ungewissheit allemal dar.

Ein Mehr an Libra-Geldmenge kann ausgeglichen werden, so dass der Preisdruck unberührt bleibt

Wenn Geld in Form von Libra geschaffen wird, kann dies eine höhere Geldmenge in einer Volkswirtschaft nach sich ziehen. So führt beispielsweise ein Euro-Tausch in Libra zur Schaffung neuer Einheiten der Kryptowährung (quasi aus dem Nichts), während die getauschten Euro über die Libra-Association zurück in das zugehörige Finanzsystem fließen und damit als Geldmenge erhalten bleiben. Selbst wenn die neu geschaffenen Libra vermehrt für Einkäufe genutzt werden, muss damit aber nicht zwingend ein inflationärer Impuls verbunden sein. So könnte dieser Effekt beispielsweise durch eine niedrigere Umlaufgeschwindigkeit des gesetzlichen Zahlungsmittels (im Beispielfall Euro) kompensiert werden.

Gewinn der Libra-Association geht auf Kosten der Libra-Nutzer

Oftmals ist zu lesen, die Unternehmen hinter Libra würden durch die neugeschaffenen Einheiten der Kryptowährung Seigniorage-Gewinne erzielen und damit die Ausschüttungen der etablierten Zentralbanken an die Staatskassen reduzieren. Diese Einschätzung ist zumindest irreführend. Mal von der Frage abgesehen, ob die Libra-Association als Nicht-Zentralbank überhaupt Seigniorage-Gewinne erzielen kann, werden deren Erträge – neben Transaktionsgebühren – durch Zinseinnahmen gespeist, sei es durch Bankeinlagen oder kurzlaufende Staatsanleihen. Das hierfür eingesetzte Kapital fließt der Association von Libra-Nutzern zu, die hierfür Einlagen und Ersparnisse auflösen. Diese Gewinne des Konsortiums um Facebook gehen demnach auf Kosten der Libra-Inhaber, deren finanzielle Mittel vorher verzinst wurden, während die Kryptowährung explizit keine Zinsen abwirft. Der Zentralbankgewinn bleibt zumindest in dieser Betrachtung gänzlich unberührt.

Die Governance-Struktur ist keineswegs besonders dezentral

Das Libra-Weißbuch verweist darauf, dass „Menschen in zunehmendem Maße dezentralen Governance-Formen vertrauen werden“. Unter der Annahme, dass diese Einschätzung zutrifft, stellt sich die Frage, ob und inwieweit Libra hierzu einen positiven Beitrag leisten kann. So hält bei dieser Kryptowährung die Libra-Association mit ihren geplant 100 Mitgliedern die zentralen Fäden zur Lenkung und Steuerung einer einzigen globalen Währung in der Hand. Verglichen mit der Vielzahl an gesetzlichen Zahlungsmitteln, die es weltweit gibt, sowie den angeschlossenen Entscheidungsgremien und ihren Mitgliedern drängt sich der Verdacht auf, dass es sich hierbei global betrachtet eher um eine Zentralisierung der Machtverhältnisse handelt.

28. Oktober 2019, 10:59 Uhr

Diesen Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Durchschnittliche Bewertung des Artikels: 5.00 Anzahl abgegebener Bewertungen: 1

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


dreizehn − eins =