Was Open Banking für das klassische Bankgeschäft bedeutet

Autor: Vera Betz
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Open Banking und die „APIisierung“ von Finanzdienstleistungen verändern das traditionelle Bankgeschäft. Doch welche Möglichkeiten bietet die neue Freiheit und was bedeutet das für klassische Banken?

Offene Ökosysteme durch Open Banking

„Open Banking“ ist eins der aktuellen Schlagworte im Banking. Ganz allgemein versteht man darunter die Bereitstellung, Sammlung und Nutzung kundenindividueller Finanzdaten durch Drittanbieter, sofern der Kunde das möchte. Technisch werden dafür Daten über sogenannte APIs geführt. Diese Abkürzung steht für „Application Programming Interface“ und meint Schnittstellen, mit deren Hilfe Informationen zwischen Programmen standardisiert ausgetauscht werden.

Praktisch vorstellen kann man sich das, wenn man z.B. aus verschiedenen Bankverbindungen mit unterschiedlichen Produkten die Informationen darüber an einer Stelle bündeln möchte. Früher wurden oft Finanzverwaltungssoftware wie Star Money genutzt, die die Bankdaten via Internet aus den Rechnern der Banken geholt und den Überblick über die eigenen Finanzen ermöglicht haben. Heute werden diese Dienstleistungen meist durch Anbieter wie beispielsweise Finanzblick oder Outbank übernommen. Sie erlauben die Verwaltung von Girokonten, Kreditkarten, Tagesgeldkonten, Wertpapierdepots, digitalen Services wie Paypal und manche sogar Kryptozahlungsmitteln oder Kundenkarten. Außerdem gibt es Zusatzleistungen, wie eine Vertragsanalyse für Handyverträge und Stromanbieter oder Buchungen werden auf steuerliche Relevanz geprüft und per Klick in eine Steuerberatungssoftware übertragen.

PSD2 ist der Einstieg in das Open Banking

Die EU-Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 fördert in Europa das Open Banking. Die EU möchte damit den elektronischen Zahlungsverkehr „durchschaubarer, bequemer und sicherer“ machen. Neben dem Kontozugriff für Dritte fordert die PSD2 ab dem 14. September 2019 für elektronisches Bezahlen eine sogenannte Zwei-Faktor-Authentifizierung, die Geldtransaktionen sicherer machen soll.

Das komplexe Regelwerk sehen viele erst als Einstieg in das Open Banking. Die PSD2 verpflichtet Banken unter bestimmten Voraussetzungen – darunter ganz wesentlich die Erlaubnis des Kunden – den Zugriff auf Kontendaten beispielsweise Fintechs und anderen Drittanbietern zur Verfügung zu stellen. Dritte dürfen dann über die APIs Transaktionsdaten und Kontostände abrufen und auf Wunsch Zahlungen auslösen. Diese Drittanbieter unterstehen nun außerdem der Finanzaufsicht.

Allerdings erfasst die PSD 2 nur Zahlungskonten und weist einige weitere Einschränkungen auf, die Bankkunden in Deutschland sogar als Rückschritt im Vergleich zu früheren Online-Banking-Standards ansehen könnten. So gibt es in Deutschland mit FinTS seit Jahren einen weitergehenden Standard für onlinegestützte Finanzdienstleistungen. Für die PSD2-konforme Kommunikation zwischen Dritten und Banken gibt es die NextGenPSD2-API der Berlin Group, die als De-Facto-Standard in der EU gilt und von vielen großen Banken verwendet wird.

Nicht beschränkt auf Zahlungsverkehr

PSD 2 deckt nur einen Teil der Finanzdienstleistungen ab und meist bezieht sich die APIisierung von Finanzdienstleistungen auf das Girokonto. Klar ist aber, dass auch Daten für Finanz- und Versicherungsdienstleistungen aller Art miteinander verbunden werden können.

In der Wertpapier-Dienstleistungsbranche finden APIs allerdings nur langsam Akzeptanz. Es gibt bei den Akteuren keine einheitliche Haltung hinsichtlich ihrer Bereitschaft sie einzusetzen. Über die APIs des Versicherungsmakler-Start-ups Clark hingegen können Banken z.B. einen digitalen Versicherungsservice anbieten ohne selbst Versicherungsunternehmen oder Makler zu sein. Außerdem können Kunden sich transparenter entscheiden, Empfehlungen geben lassen oder etwa Geräteversicherungen abschließen, wie dies etwa die R+V Versicherung mit der Insurebox anbietet. Ein weiteres gern genanntes Beispiel ist der digitale Kreditantrag mit sehr kurzfristiger Kreditgenehmigung, weil ein Kreditgeber mit automatisierten Verfahren aus den Umsatzdaten der Konten Rückschlüsse auf die Bonität des Kreditnehmers ziehen kann.

Warum ist das so brisant für Banken?

Die Welt des Open Banking und der APIs ist heute längst nicht perfekt, weil es keine einheitlichen Standards gibt, wie Daten zwischen verschiedenen Unternehmen und Kunden übertragen werden. Dennoch zeichnet sich bereits ein klares Bild für die Zukunft ab. Immer mehr Finanzdienstleistungen werden miteinander und mit anderen Vertragsdienstleistungen verknüpft und der Datenaustausch immer weiter standardisiert.

Prinzipiell ist es möglich, dass Kunden ihre Finanz-, Versicherungs- und weitere Vertragsdienstleistungen auf eine Drittplattform konzentrieren und von dort aus auch Transaktionen auszulösen. Mit einem Log-in hätten sie Zugriff auf alle Verträge, die dabei nicht vom Plattformanbieter selbst verwaltet werden. Aber die Plattformbetreiber entwickeln sich gleichwohl zu einem Gateway. Wenn es darum geht, neue Verträge abzuschließen, können sich Kunden wie in einem Baukasten die Leistungen von verschiedenen Anbietern zusammenstellen. Treten solche Plattformen auch als Identitätsanbieter auf, dann entfallen sogar aufwendige Identitätsprüfungen. Banken werden hier für branchenfremder Partner auf Zulieferer reduziert und führen im Hintergrund die Konten und erfüllen bankrechtlichen Anforderungen.

Open Banking ist eine signifikante Veränderung mit dem Umgang von Kundenzugang, (Transaktions-)Daten und den Schnittstellen und hinterfragt damit etablierte Banking-Geschäftsmodelle. Banken könnten zum reinen Infrastrukturanbieter degradiert werden. Damit das nicht passiert, müssen sich Banken über ihre Produkte hinaus mit den Bedürfnissen ihrer Kunden beschäftigen und ganzheitliche Lösungen anbieten. Mögliche Vorgehensweisen könnten dabei Kooperationen mit branchenübergreifenden Partnern sowie der Aufbau eigener Plattformen sein, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

*Der Artikel basiert auf dem Beitrag Was Open Banking für das klassische Bankgeschäft bedeutet der Kolumne Finanzrevolution (Capital) von Dirk Elsner.

9. September 2019, 10:52 Uhr

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