Schneller, effizienter und ohne Banken: ICOs als dezentrale Unternehmensfinanzierung?

Autor: Michelle Berger
Ethereum the Virtual Money Cryptocurrency (Quelle: Getty Image)Foto: Lightboxx / iStock / Getty Images
Ethereum the Virtual Money Cryptocurrency (Quelle: Getty Image)

Wie schafft man es, in weniger als 3 Stunden ca. 153 Millionen US Dollar  einzuwerben ohne einen Venture Capitalist oder eine Bank, ohne Anteile abzugeben und ohne überhaupt ein Produkt zu haben, sondern lediglich eine Vision? Es klingt absurd, aber es ist tatsächlich möglich und zwar nicht nur in der Theorie. ICO heißt das Zauberwort. Allein in 2017 sollen dadurch bereits 1,2 Mrd US-Dollar eingenommen worden sein. Aber was bedeutet das und wie funktioniert ein ICO?

Ein Initial Coin Offering (ICO) ist eine „neue“ (eigentlich schon seit Juli 2013 aber aktuell sehr beliebte), dezentrale Art der Unternehmensfinanzierung für Blockchain-Startups. Ähnlich einem Crowdfunding sollen darüber Projekte oder Unternehmen finanziert werden. Die Bezeichnung ICO ist angelehnt an den englischen Begriff für Börsengang: Initial Public Offering (IPO), hat damit aber wenig zu tun. Es gibt für ICOs bisher weder einen einheitlichen rechtlichen Rahmen, noch einen Handel an beaufsichtigten Börsen.

Der Prozess läuft meist wie folgt ab:

1. Veröffentlichung eines White Papers

Blockchain-basierende Projekte veröffentlichen vor dem ICO ein White Paper, das einem wissenschaftlichen Artikel ähnelt. Dort werden technische Informationen zur Blockchain-Plattform veröffentlicht, um Entwicklern und potenziellen Supportern zu zeigen, wie die Plattform funktionieren soll. Ebenso enthalten White Papers Informationen zum Business Modell und Ähnlichem. Das junge Startup weckt vorab Interesse für ihr Projekt und baut sich eine Community von Supportern auf, die anders als bei ursprünglichen Finanzierungsarten, ihre eigene Due Diligence durch den direkten Kontakt mit dem Startup durchführen können. Das Startup hat also noch keinerlei Gewinn gemacht, geschweige denn ein Produkt oder einen Prototypen implementiert. Meist existiert lediglich eine Vision des Projekts.

2. ICO und Tokens

Darauf folgt das eigentliche ICO, welches sich über einen Zeitraum von mindestens einer Woche streckt. Während dieses Zeitraums können „Investoren“ sogenannte Token erwerben. Anders als bei einem IPO erwirbt man also keine Anteile an dem Unternehmen und hat daher auch nicht die Rechte, die z.B. ein Anteilseigner hat. Ein Token wird benötigt, um die jeweilige Blockchain-Plattform nutzen zu können. Tokens können als digitale Anteile an einem Projekt oder der Produkte und Leistungen aus einem Projekt verstanden werden. Ein Token kann somit beispielsweise eine Art „Gutschein“ für eine Dienstleistung auf der neuen Blockchainplattform darstellen. So können „Investoren“ von Storj.io, einem Anbieter von dezentralen Cloud Speichern, mit den gekauften Token nach dem Produktlaunch Speicherplatz kaufen. In vielen Fällen entwickeln sich die Token zu einer neuen Kryptowährung. Das war beispielsweise bei Ether der Fall. Ether ist der Token der Ethereum Blockchain Plattform und wird ebenfalls an Handelsplätzen für Kryptowährungen gehandelt. Aber auch hier ist und bleibt Ether das Zahlungsmittel für die Transaktionskosten auf der Ethereumplattform und wird von allen Entwicklern und Betreibern benötigt, die eine Anwendung auf der Ethereum-Plattform zu bauen.

3. Die eigentliche Produktentwicklung

Nach dem ICO beginnt erst die eigentliche Entwicklung der Blockchainplattform. Das Startup verfügt nun, ohne eigene Anteile abgeben zu haben, über Startkapital, etwa um talentierte Leute zu motivieren, an dem Projekt mitzuarbeiten.

Zusammenfassend finanzieren sich Blockchain-Startups also bei einem ICO durch den Vorverkauf ihrer Token. Das Konzept vergleichen manche mit der Crowdfunding-Plattform kickstarter. Allerdings sind ICOs eher als eine Mischung aus Crowdfunding und Crowdinvesting einzuordnen, da sich Investoren einen höheren Gewinn erhoffen, wenn sich die Token als Kryptowährung etablieren und an Marktplätzen gehandelt werden.

Die folgende Grafik verdeutlicht die beeindruckende Entwicklung. Zu einem der ersten und bekanntesten ICOs zählt der ICO von Ethereum mit dem Konzept der „Smart Contracts“ im Juli 2014. Hier kauften Interessenten für 30 US-Cent Token (Ether) im Wert von insgesamt 14 Millionen US Dollar. Aktuell werden Ether an Handelsplätzen über 200 US-Dollar gehandelt (aktuelle Preise und Gesamtwerte von Kryptowährungen und ICO z.B. hier bei coinmarketcap). Hier sieht man eine Übersicht von aktuellen ICOs mit den dazugehörigen White Papers.

Entwicklung ICO in 2017

Allerdings hat ein ICO auch viele Nachteile, da es nicht immer so positiv verläuft, wie bei Ethereum und das Geld verschwindet, da nie ein Produkt-Launch stattfindet. Ebenso warnt Charles Hoskinson (einer der Gründer von Ethereum) vor dem aktuellen Hype. Seiner Meinung nach stellen neue Startups Token für neue Blockchain-Plattformen aus, „obwohl dieselbe Aufgabe auch mit existierenden Bockchains erledigt werden könnte“. Ebenso existieren noch keinerlei Regulierungen und somit wenig Schutz für den Investor.

 

Quellen:

  1. Linked In – Introduction Initial Coin Offering ICOs Venture Capital
  2. Blockchainhub – Initial Coin Offerings ICOs
  3. t3n – Verrückter ICO Wahn komplett
  4. t3n – Ethereum ICO Hype
  5. Ethereum Co Founder says Cropto Coin market is ticking time bomb
  6. t3n – ICOs Initial Coin Offering Blockchain
  7. cryptocompare – How Does an ICO Work
  8. gruenderszene – Einmal ICO zum Mitreden bitte
  9. coindesk – Ethereum Initial Coin Offerings Traditinal Disruptive Model
2. August 2017, 8:27 Uhr

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Ein Kommentar

Auch in der Luxemburger Startup-Szene ein großes Thema. Ein interessanter Artikel findet sich in der aktuellen Ausgabe der SiliconLuxembourg (https://issuu.com/siliconluxembourg/docs/silicon_06) auf Seite 15.

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