Praxistauglichkeit der Blockchain: Welche Bankprobleme löst die Interledger-Technologie

Autor: Gastautor

Von Frank Boberach*

Im vergangenen Jahr haben wir über den ersten Ripple-Transfer über den Atlantik berichtet. Die ReiseBank und die kanadische ATB Financial haben dabei einen Bargeld-zu-Konto- und Konto-zu-Bargeld-Blockchain-Transfer vorgenommen. Jetzt ist die ReiseBank mit der zweiten Phase der Implementierung gestartet. Dabei setzen wir auf die Interledger-Technologie – sie soll uns helfen, wesentliche Aufgabenfelder der Blockchain zu lösen.

Vor unserem Test galt nur theoretisch: Die Zahlung via Ripple-Blockchain-Technologie kann den internationalen Zahlungsverkehr deutlich beschleunigen. Mit der Demonstration haben ATB Financial und ReiseBank den Beweis erbracht, dass die Blockchain-Technik auch außerhalb des Labors funktioniert und im „echten Leben“ eingesetzt werden kann.

Doch damit hat die eigentliche Arbeit erst begonnen. Diesen einen Transfer vorzunehmen, war relativ leicht durchzuführen, aber wie stellt sich die Abwicklung dar, wenn wir von hunderten oder gar von tausenden Transaktionen in der Sekunde sprechen? Die Frage, die wir uns stellen müssen lautet: Wie skalierungsfähig ist ein Blockchain-System? Eine Ripple-Blockchain mit Ripple-Consensus-Ledger (RCL) kann grundsätzlich Hunderte von Transaktionen pro Sekunde verarbeiten. In einer Produktiv-Umgebung hat das nach unserer Kenntnis aber noch keiner über einen längeren Zeitraum in dieser Menge umgesetzt.

Und es gibt weitere Aufgabenstellungen: Zum Beispiel, wie ist es um das Thema Transparenz von Zahlungsvorgängen zwischen Banken bestellt. Schon während der Zahlungsverkehrskonferenz wurde klar, dass die mit dem Ripple-Netzwerk verbundene Transparenz der Zahlungen nicht zwangsläufig und uneingeschränkt von allen Partnern im Netzwerk positiv gesehen wird. Wer beispielsweise den Zahlungsbetrag und die Währung der Transaktion zwischen ATB Financial und ReiseBank kannte, konnte – wenn er wollte – die Transaktion in der öffentlichen Ripple-Blockchain im Netz nachverfolgen. Für die Demonstration war das sinnvoll und gewollt – in der Praxis im Alltag birgt das allerdings Herausforderungen, da eine Transaktion zwar für die Beteiligten immer nachzuverfolgen sein muss. Dies aber aus der Perspektive der Banken nicht zwangsläufig für jedermann sichtbar sein sollte. Das RCL ist in diesem Sinne praktisch eine Art offenes Kontobuch im Internet. Die Logik dahinter: Teile des Inhalts der Transaktion sind unverschlüsselt, Sender- und Empfängerbank sind durch Hash-Werte  verschlüsselt. Die Details der Zahlung finden sich hier:

Die Lösung für die Anforderung der Banken in puncto Skalierbarkeit,  zu hoher Transparenz und bestehende System heißt „Interledger-Protokoll“ (Interledger Protocol ILP). An dieser Stelle kommt die bestehende Bankeninfrastruktur des weltweiten Korrespondenzbankensystems wieder ins Spiel. ILP kann man sich als eine Art „SWIFT auf Speed“ vorstellen. Unter Nutzung bestehender Korrespondenzbankverbindungen können internationale Fremdwährungszahlungen effizienter und schneller abgewickelt werden, da Nachrichtenaustausch und Settlement bei ILP synchron verlaufen und nicht asynchron wie beispielsweise beim SWIFT-System.

Abbildung: Transfer SWIFT-basiert

 

Abbildung: Transfer ILP-basiert

Darüber hinaus lässt sich ILP leichter als die „alte“ Blockchain-Technologie an bestehende Legacy-Systeme der Banken andocken. So können unter anderem SWIFT-Nachrichten (zum Beispiel MT103) oder ISO 20022-Nachrichten der Banken direkt im Ripple-ILP eingelesen, interpretiert und ausgeführt werden. Banken können somit ihre bestehende Infrastruktur und ihre bestehenden Prozesse weiterhin nutzen und ergänzen diese lediglich um eine neue „Zahlungsmethode“.

Im Gegensatz zur Blockchain werden bei ILP die Kontobücher wieder hinter die Firewall der Banken verlegt. Dies hat zur Folge, dass jede Bank nur noch die Zahlungen mit dem nächsten Korrespondenzpartner sieht und die Transparenz-Problematik der Blockchain gelöst ist. Insofern kann ILP auch als „Blockchain 2.0“ aus Sicht der Banken verstanden werden.

Nicht zuletzt können mit ILP verschiedene Arten von Kontobüchern und Netzwerken adressiert und angebunden werden, das heißt, die von Ripple entwickelte ILP-Lösung stellt ein „Netzwerk der Netze“ dar. ILP kann also bestehende Zahlungsverkehrssysteme miteinander vernetzen, es sorgt quasi für die bisher fehlende Kompatibilität zwischen diesen unterschiedlichen Systemen.

Entscheidend bleibt indes, wie viele internationale Banken sich dem Ripple-Netzwerk anschließen. Wird eine kritische Masse an Teilnehmern auf mittlere Sicht erreicht? Mit ILP hat Ripple eine Technologie bereitgestellt, die die geforderten Verbesserungen gegenüber der Blockchain beinhaltet, ohne die Vorteile der Blockchain-Technologie, beispielsweise die bereits beschriebene Synchronität von Zahlungsnachricht und Finalität der Zahlung, aus dem Auge zu verlieren.

Während technologische Fragen schon sehr weit getrieben sind, gibt es auf rechtlicher und regulatorischer Ebene noch Klärungsbedarf. Aus rechtlicher Perspektive braucht es einen Standard-Rahmenvertrag beziehungsweise ein Standard-Regelwerk für alle Teilnehmer (one-fits-all). Man benötigt dann keine individuellen Vertragsabschlüsse zwischen den beteiligten Banken mehr. Der Teilnehmer, der dem Netzwerk beitritt, „unterwirft“ sich automatisch dem Regelwerk des Netzwerkes. Es bedarf daher der Erarbeitung von grundlegenden Standards in Bezug auf beispielsweise Zusammenarbeit, Nachrichtenaustausch, Transaktionsdetails sowie weitergehende Informationen zur Erfüllung nationaler Anforderungen – analog zu SEPA oder SWIFT. Alles Fragen, deren Antworten derzeit erarbeitet werden. Dafür wurde eigens die „Global Payments Steering Group“ (GPSG) gegründet, die im Konsens vieler Beteiligter entsprechende grundlegende Standards entwickelt. Diese gilt es dann in der Folge sukzessive von den Beteiligten weiter zu entwickeln und stetig zu verbessern. Auch im Bereich Standardisierung, Recht und Regulatorik ist die von Ripple vorgestellte Lösung auf einem guten Weg, um von Banken als Alternative in Betracht gezogen werden zu können.

Somit bleibt nur noch eine Frage offen: Wann ist nun damit zu rechnen, dass Blockchain- oder ILP-Netzwerke praktische Zahlungsverkehrsdienstleistungen übernehmen können? Kein Monat vergeht, in dem nicht renommierte Institute und Institutionen neue bereichsbezogene Teillösungen mittels der Distributed-Ledger-Technologie präsentieren. Und natürlich ist die Blockchain-Technologie nicht nur ein Thema der Bankenwelt. Es ist folglich sehr viel Bewegung in den Märkten.

Die ReiseBank hat nun begonnen im Rahmen einer neuen Pilotierung die neue Ripple-Technologie ILP auf Alltagstauglichkeit für sich und die DZ BANK-Gruppe zu prüfen. Hierzu stehen wir gemeinsam mit Ripple und mit Banken rund um den Globus im Gespräch, um ein entsprechendes Netzwerk aufzubauen. Ziel des Piloten ist es, internationale Fremdwährungszahlungen von Kunden auf Konto-zu-Konto-Basis zwischen der ReiseBank und der Partnerbank innerhalb von Sekunden – quasi in Echtzeit – in einer Produktivumgebung auszuführen. Sollte sich diese Pilotphase als erfolgreich erweisen, wäre dies ein erster wichtiger Schritt für Banken, ihren Kunden ein konkurrenzfähiges Produkt gegenüber Wettbewerbern wie Paypal anbieten zu können. Darüber hinaus sind noch viele weitere Anwendungen im Privatkunden- wie im Firmenkundensegment denkbar.

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* Frank Boberach ist Leiter Produktmanagement, ReiseBank AG, Frankfurt am Main

26. Juni 2017, 8:12 Uhr

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