Über das Potenzial und die Rolle von Blockchain im Finanzwesen

Banken beschäftigen sich derzeit intensiv mit der Technologie „Blockchain“, die von manchem als „größte Neuerung seit der Erfindung des Internets“ gehandelt wird. Grund für diese Auseinandersetzung ist der enorme Veränderungsdruck, unter dem Banken stehen. Denn ihr Umfeld hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Einfacher geworden ist es dabei nicht: Niedrige Zinsen belasten die Ertragslage, steigende regulatorische Anforderungen und enorme Investitionen in IT-Systeme und -Prozesse erhöhen die Ausgaben. Zeitgleich sind die Bedürfnisse der Kunden in puncto Schnelligkeit, Kosten und Sicherheit ständig gewachsen. Und die zahlreichen Fintechs, die sich in die Wertschöpfungskette von Banken schieben, kurbeln die aktuelle Digitalisierungswelle weiter an und machen Strukturreformen notwendig. Um mit den technologischen Entwicklungen Schritt halten zu können und der Schere aus Einnahmen und Ausgaben entgegenzuwirken, müssen wir Banken uns von Grund auf verändern. Und die Frage lautet: Wie können uns innovative Ansätze und Lösungen dabei helfen?

Darauf gibt es nicht eine Antwort, sondern viele. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg vom klassischen Kreditinstitut zum Technologieunternehmen ist die Öffnung gegenüber neuen Technologien, von denen Blockchain aktuell die wohl prominenteste ist. Seit einer Veröffentlichung der Bank of England im Herbst 2014 hat die sogenannte „Distributed Ledger Technology“ eine große Aufmerksamkeit in der gesamten Finanzindustrie – aber auch darüber hinaus – erlangt. Viele glanzvolle Titel wurden ihr bereits verliehen, darunter wie oben erwähnt „die größte Neuerung seit der Erfindung des Internets“ oder – wie der Economist titelte –„The next big thing“. Aber was genau verbirgt sich eigentlich dahinter?

Was ist Blockchain?

Kern der Blockchain-Technologie ist es, Werthaltiges verbindlich zu übertragen und Besitzrechte festzulegen. Dies geschieht über ein dezentrales Buchungssystem, welches in Computernetzwerken unter gleichberechtigten Beteiligten („Peer-to-Peer“) ohne Intermediäre bzw. hierarchische Strukturen auskommt. Transaktionen werden gesammelt, zu einem Block zusammengefasst und innerhalb des Computernetzwerkes auf allen beteiligten Systemen verteilt. Dies erklärt auch den Begriff „Blockchain“, die man sich als eine Kette von Transaktionsblöcken vorstellen kann. Die Art der Information, die eine Transaktion enthält, ist dabei völlig zweitrangig: es kann eine Finanztransaktion, ein Vertrag, ein Testament oder auch ein Grundbucheintrag sein.

In diesem dezentralen System sind alle Informationen allen Teilnehmern bekannt. Aufgrund der kryptografischen Sicherung ist es einzelnen Teilnehmern nicht möglich, die Blockchain-Datenbank zu manipulieren. Denn die Änderung von Dateneinträgen bedarf der Zustimmung bzw. dem Konsens der anderen Teilnehmer. Aufgrund dieser Kombination von Transparenz einerseits und Sicherheit andererseits wurde die Blockchain auch schon als „trust machine“ bezeichnet.

Für Banken und ihr Geschäftsmodell ist die Idee der Blockchain gleichzeitig Herausforderung und Chance. Denn digitale Währungen, wie beispielsweise Bitcoin als elektronisches Äquivalent für Bargeld, unterscheiden sich von herkömmlichen Währungen dadurch, dass der Wert der Währung nicht durch eine Zentralbank bzw. einen Staat garantiert wird, sondern durch Vertrauen in die zugrundeliegende Technologie. Das bedeutet, dass zentrale Autoritäten nicht mehr benötigt und Mittelmänner überflüssig werden könnten. Davon wären auch Banken betroffen, sowohl im Zahlungsverkehr als auch im Wertpapiergeschäft.

Allerdings ist nach wie vor nicht endgültig geklärt, ob die Transaktionsabwicklung mit Blockchain wirklich sicher und nicht manipulierbar ist. Zudem ist sie für Anwendungen wie den Börsenhandel, wo Geschwindigkeit eine große Rolle spielt, aktuell noch zu langsam. Auch die Integration in bestehende Systeme gilt als problematisch. Eine aktuelle Studie des World Economic Forum bescheinigt Blockchain „erhebliche Hürden auf dem Weg zu einer großflächigen Einführung“.

Geldtransfer in wenigen Sekunden statt mehreren Tagen

Auf der anderen Seite birgt Blockchain ein enormes Potenzial, Prozesse zu vereinfachen und Kosten einzusparen. Lange Zeit war das nur Theorie – dass es auch praktisch funktioniert hat im vergangenen Jahr die ReiseBank unter Beweis gestellt: Auf einer Konferenz führte die DZ BANK Tochter eine transatlantische Zahlung zwischen dem kanadischen Calgary und Frankfurt mittels Ripple-Blockchain-Technologie innerhalb von acht Sekunden durch. Dieser Vorgang hat bisher vier Tage gedauert. Diese Weltpremiere hat auch deshalb für große Aufmerksamkeit gesorgt, weil sie gezeigt hat, dass die Technik nicht nur im Bereich Konto-zu-Konto funktioniert, sondern auch in der Variante Konto-zu-Bargeld. Für den genossenschaftlichen Finanzsektor ist diese Transaktion ein wichtiger Meilenstein: Denn die Reisebank testet die Nutzung von Blockchain für die Genossenschaftliche FinanzGruppe mit dem Ziel, die Prozesse im internationalen Zahlungsverkehr für die Volks- und Raiffeisenbanken und deren Kunden zu beschleunigen und zu verschlanken.

Aber auch an anderer Stelle zeigt sich, wie und wo Blockchain mehrwertstiftend angewendet werden könnte. So hat beispielsweise die Deutsche Börse gemeinsam mit der Bundesbank Ende vergangenen Jahres ein sogenanntes „Coin“-Projekt gestartet, mit dem ein Prototyp für den Einsatz im Zahlungsverkehr geschaffen werden soll. Cyber Sicherheit ist ein weiteres Themenfeld, auf das sich die Nutzung von Blockchain positiv auswirken kann.  Durch volle Transparenz über die Daten und Transaktionen bzw. die verteilte Datenhaltung und die Überprüfung jedes Schrittes durch eine unabhängige Stelle werden Hacker-Angriffe jederzeit sichtbar – Cyberkriminalität könnte sich in einem solchen System leicht eindämmen lassen.

Mit smart contracts Millionen sparen

Eine weitere mögliche Anwendung sind die sogenannten „smart contracts“, worunter man sich selbst ausführende Verträge versteht. Hier werden die Vertragsbedingungen automatisch geprüft und in der Folge wird automatisch eine Aktion ausgelöst. Ein Beispiel sind die sogenannten Smart Locks („Slocks“). Diese können die Tür zu einem Hotelzimmer oder einem Auto freigeben. Ein Mittelsmann, der die Zahlung entgegennimmt und im Gegenzug die Schlüssel übergibt, wäre überflüssig. Gezahlt wird nach Nutzung, Unbefugte könnten ausgeschlossen werden. Über die Blockchain-Technologie würden die Verfügungsrechte eindeutig geregelt.

Auch in der Finanzwirtschaft könnten smart contracts in der Zukunft eine größere Rolle spielen. Da die Blockchain-Technologie das Potenzial hat, den Verwaltungsaufwand deutlich zu reduzieren, könnten sich laut dem aktuellen „Smart Contract Report“ beispielsweise im Privatkundengeschäft der Banken Einsparpotenziale im Millionenbereich ergeben. Im Versicherungsgeschäft könnte ein smart-contract-System alle Akteure – Verbraucher, Versicherer, Schadensfallabwickler und Drittanbieter – auf einer einzigen Plattform zusammenbringen. Auch hier würde sich der Verwaltungsaufwand erheblich reduzieren und die Verarbeitung von Versicherungsansprüchen könnte bedeutend schneller abgewickelt werden.

In der Musikindustrie wird schon heute Blockchain erfolgreich verprobt. Hier sichern einzelne Künstler bereits heute ihr geistiges Eigentum an Liedern über die neue Technologie. Dabei bestimmt sie die Lizenzierungsbedingungen selbst. Neben der Musikbranche sind auch der Energiebereich sowie die Mobilitätsbranche (Stichwort Carsharing!) prädestiniert für die Anwendung von Blockchain.

Vieles von dem, was Blockchain künftig sein kann ist heute noch Zukunftsmusik. Grundsätzlich gilt, dass jede neue Technologie und jedes neue System messbar nachweisen muss, dass es einen zusätzlichen Nutzen stiftet. Dieser muss vor dem Hintergrund der enormen Migrationskosten betrachtet werden, die bei der Umstellung von etablierten IT-Systemen zu neuen Systemen entstehen. Gesamthaft führt dies zu dem Schluss, dass Banken Blockchain erst in den bestehenden Systemen erproben werden, bevor sie die komplette IT-Infrastruktur umbauen.

Deshalb prüfen wir heute an vielen Stellen, welche Dinge sich mit der Blockchain-Technologie prinzipiell umsetzen lassen. Auch der Aufbau von Kompetenzen im Umgang mit der Blockchain-Technologie ist zentral, da beispielsweise die Programmierung von smart contracts extrem anspruchsvoll ist.

Die grundsätzliche Frage einer „Bedrohung oder Chance durch Blockchain“ haben wir in der DZ BANK Gruppe schon früh beantwortet: Wir sehen eindeutig die Chancen dieser neuen Technologie und wollen sie für uns nutzbar machen. Die ReiseBank hat gezeigt, dass es geht und daran werden wir anknüpfen. Derzeit untersuchen wir verschiedene Ansätze, Blockchain-Konzepte bankintern, aber auch bankübergreifend zu nutzen. Zwar stehen wir bei unseren Forschungen noch am Anfang. Aber auch die Blockchain-Technologie steckt noch in den Kinderschuhen. Dementsprechend bleibt den Banken und anderen Intermediären noch Zeit, die neuen technologischen Herausforderungen zu analysieren. Dabei setzen wir auf Kooperationen und suchen den Austausch, nicht nur innerhalb unserer FinanzGruppe, sondern auch mit der Industrie und der Wissenschaft.

Welche revolutionäre Kraft Blockchain tatsächlich hat, können wir heute noch nicht sagen. Offene Fragen gibt es noch bei Datenschutz, Sicherheit sowie den regulatorischen Rahmenbedingungen für den Einsatz von smart contracts. Den Banken ist die Bedeutung des Themas jedoch sehr bewusst. Laut einer aktuellen Umfrage der Wirtschafts- und Beratungsgesellschaft PWC unter Führungskräften deutscher Banken erwartet ein Viertel dass das Thema in zwei Jahren das Geschäftsmodell der Banken beeinflussen wird. In fünf Jahren steigt dieser Anteil auf die Hälfte.

Derzeit kommen immer wieder Aspekte auf, die neue Fragen aufwerfen. Zumeist können diese nicht gleich beantwortet werden. Das heißt: Sehr viel Forschung und Wissenschaft sind hier noch nötig, bevor wir marktreife Anwendungen sehen werden. Bis dahin ist es aber in jedem Fall begrüßenswert, dass der Hype um Blockchain eine rege Diskussion über Lösungen jenseits der gewohnten Wege angestoßen hat.

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