#Forschung2Go – Die Rubrik für den Blick über den Tellerrand

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Haben Sie die letzte Ausgabe des Journal of Banking & Finance schon gelesen? Keine falsche Scham, wenn die Antwort „Nein“ ist. Während Journal-Publikationen für Wissenschaftler DIE Währung für den eigenen akademischen Marktwert sind, haben selbige Beiträge für Praktiker in etwa die gleiche Anziehungskraft wie ein Stück Toastbrot – ungetoastet. Schade, denn Impulse für die Praxis gibt es in der Forschung genug. Zeit für einen Blick über den Tellerrand.

Zielgruppenspezifische Fluchtreflexe

Ich kenne beide Seiten: Die Praxis durch meine heutige Tätigkeit als Innovationsmanager in der DZ BANK und die Wissenschaft aus meiner Zeit als Doktorand und später Geschäftsführer am ikf° institut für kredit- und finanzwirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Hält man als Forscher Vorträge vor Praktikern, bewirkt allein das Wörtchen „Wissenschaft“ im Vortragstitel einen latenten Fluchtreflex im Publikum. Wenn man es andersrum wagt, vor Wissenschaftlern von „praxisorientierter Forschung“ zu sprechen, passiert das Gleiche. Zum Glück: Die meisten meiner Vorträge sind nicht vor gänzlich leerem Auditorium geendet.

Alle Vorurteile sind wahr

Aber zurück zum Begriff „Wissenschaft“: Was ist das? Erstens: Rumschlagen mit hochtrabenden Theorien, die zwar nett klingen, aber völlig abstrakt sind. Zweitens: Aufwändige Studien, die am Ende genau das rausfinden, was man aus der Praxis sowie schon wusste. Ich hoffe, Sie erkennen an dieser Stelle eine gewisse Selbstironie, denn komplett von der Hand weisen kann man diese Vorwürfe nicht, aber ganz so schlimm ist es auch nicht. In der Tat hilft Theorie dabei, die Dinge, die man aus Glaubenssätzen heraus zu erkennen meint, zu strukturieren und besser greifbar zu machen. Forschungsergebnisse sind nützlich, um eigene Vermutungen zu bestätigen, liefern aber durchaus auch neue und überraschende Impulse.

Feste Zutaten

Weizenvollkornmehl, Wasser, Weizenmehl, Rapsöl, getrockneter Weizensauerteig, Zucker, Hefe, Salz, Säureregulator Natriumcetate – das sind die Zutaten für Toastbrot. Viel Aufregenderes kann man daraus nicht herstellen. Genauso haben wissenschaftliche Paper feste Inhalte, die dem Unterhaltungswert und der Lesbarkeit per se Grenzen setzen. Insbesondere das durchgehende Zitieren und die regelmäßigen Statistik-Massaker im Methodik-Kapitel schrecken ab. Verständlich, aber für die wissenschaftliche Belastbarkeit der Ergebnisse zwingend erforderlich. Die Frage, inwieweit Forschung den Anspruch haben sollte, auch über die Zielgruppe der Kolleginnen und Kollegen im eigenen Forschungsfeld hinaus verständlich zu sein, ist nicht trivial. In der Chemie ist es mir beim Putzen egal, warum das Reinigungsmittel so wirkungsvoll Kalk löst, Hauptsache die Badezimmerarmaturen glänzen. In der betriebswirtschaftlichen Forschung hingegen sind Unternehmen der zentrale Forschungsgegenstand. Daraus lässt sich in meinen Augen durchaus ein Anspruch ableiten, dass Forschung für Praktiker zu einem gewissen Grad zugänglich und verständlich sein muss.

Eine Frage der Einstellung

Ich behaupte, dass kein Forschungsprojekt so kompliziert ist, dass es unmöglich ist zumindest die Grundidee und Kernergebnisse verständlich auszudrücken. Es ist eine Frage der Einstellung und des Willens, andere mitzunehmen: Abschottung durch Komplexität in der Wortwahl – leider gerade in der Wissenschaft verbreitet. Man nimmt sich selber oft zu ernst. Allerdings ist das „Ich bin schlau und du kannst nicht mitreden“-Phänomen beileibe nicht auf die Wissenschaft beschränkt. Wir alle sitzen regelmäßig in Vorträgen und Meetings, lassen uns Fachbegriffe und Zahlen um die Ohren werfen und gucken möglichst unauffällig ins Nichts, damit die rhetorische Frage, ob jeder alles verstanden hat, möglichst schnell vorbeigeht. Bloß nichts anmerken lassen. An fehlendem Verständnis ist nie eine Seite alleine schuld. Als Dozent habe ich meinen Studierenden immer eingebläut: „Wenn ihr etwas nicht versteht: Fragt! Das heißt nicht, dass ihr zu dumm seid, sondern dass ich es besser erklären muss.“ Verständnis ist immer Hol- und Bringschuld.

Für den Wissenshunger zwischendurch

Trotz dieses Plädoyers für mehr Verständnis zwischen Wissenschaft und Praxis, wird das Journal of Banking & Finance vermutlich in absehbarer Zeit nicht sonntags auf Ihrem Frühstücktisch landen. Das ist okay. Mit der neuen Rubrik #Forschung2Go möchte ich dennoch einen kleinen Beitrag dazu leisten, eine Brücke zu schlagen. In Rahmen von Blog-Einträgen werde ich ausgewählte, thematisch zum Innovationsblog passende Paper aus der Welt der Wissenschaft in kompakter Form vorstellen und kommentieren – gerne mit einem Augenzwinkern, aber immer wertschätzend. Frisch getoastet ist Toastbrot nämlich spitze!

3. April 2017, 8:30 Uhr

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