Learning Journey Teil 2: Können wir von Israels Gründergeist profitieren?

Autor: Corinna Sander
Startup-IconFoto: Corinna Sander

In meinem ersten Beitrag skizziere ich, wieso ausgerechnet Israel einer der top FinTech Hotspots weltweit ist. In dem zweiten Teil teile ich meine Erfahrungen, wie wir uns als Banker in Deutschland mit der israelischen Startup-Szene verzahnen können.

Ich tauche ein in das „Silicon Wadi“ und will wissen:

  1. Wie komme ich überhaupt rein in die Szene?
  2. Ist der israelische FinTech-Markt für deutsche Banken interessant?
  3. Sind deutsche Banken interessant für israelische FinTechs?

Zu (1) Wie komme ich überhaupt rein in die Szene?

Meine Erfahrung: Nichts leichter als das! Ich mache schnell ein paar Co-Workingspaces in Tel Aviv ausfindig und schaue mir das Programm des Google Campus und vom RISE, dem Accelerator von Barclays, an. Beide Formate locken mit einem interessanten Programm, das sich an die interessierte Öffentlichkeit richtet.

Ich verabrede mich mit einem FinTech-Experten im Google Campus. Nach dem Meeting kann ich einfach bleiben und den restlichen Tag an einem der Working Desks arbeiten. Es gibt W-LAN, Getränke und leckere Snacks – alles kostenfrei. Dazu finden parallel Workshops statt, zu denen ich spontan eingeladen werde. Auf meinen Hinweis, dass ich gar kein Ticket dafür erworben hätte, werde ich mit einem Lächeln bedacht und der Frage, ob ich aus Deutschland sei. Nun ja, hier ist alles etwas offener und unkomplizierter. „Komm einfach immer vorbei, wenn du einen Working Desk brauchst oder dich ein Event hier interessiert“, das sagen mir hier alle. Außerdem nehme ich aus jedem Gespräch mindestens zwei weitere Impulse mit, wen ich treffen und welche Veranstaltung für mich spannend sein könnte.

Noch etwas besser gefällt mir das Think RISE. Dort bin ich mit einem FinTech verabredet, das mit einem innovativen Blockchain-Ansatz auf sich aufmerksam macht. Das Rise ist modern und gleichzeitig gemütlich mit viel Holz und Glas gestaltet – hier würde ich gerne öfter arbeiten. „Kein Problem, komm einfach jeden Tag vorbei und setz dich an unseren Gäste-Desk. Wir führen dich gleich einmal rum, zeigen dir, wo die Küche mit den Getränken und Snacks ist. Bist du auf der Suche nach FinTech-Kontakten? Wir können dir viele Kontakte vermitteln. Sag einfach, was du brauchst.“ Ich bin begeistert, das nenne ich mal eine Willkommenskultur. Hier kennt man sogar unser TechQuartier, den Frankfurt Accelerator und das neue HIPA-Programm, das – genau wie auch das RISE selbst – vieles für eine engere Verzahnung zwischen Banken und der israelischen FinTech-Szene unternimmt.

Zu (2) Ist der israelische FinTech-Markt für deutsche Banken interessant?

Auch hier gibt es aus meiner Sicht ein klares „Ja“. Mein Kollege Fabian Prystav hat auf diesem Blog bereits unseren Innovationsradar vorgestellt. Wenn ich mir die Trends und Technologien ansehe, die wir in der DZ BANK Gruppe als relevant einstufen, dann sollten wir die Ansätze aus der israelischen FinTech Szene auf jeden Fall mit im Blick haben. Sei es das Thema künstliche Intelligenz, Blockchain-Technologie oder Cyber-Security. Mein Eindruck: Hier wird auf hohem Niveau an diesen und vielen weiteren Themen gearbeitet. Ihren Ursprung haben viele Lösungen im israelischen Militär, doch die CEOs hier wissen, dass sie konkrete Use Cases für die Unternehmenspraxis liefern müssen, wenn sie ihre Ansätze erfolgreich vermarkten wollen.

Über die verschiedenen Ansätze gibt es einen regen Austausch. Voneinander und miteinander lernen statt closed Job – das scheint mir hier das Motto zu sein. Das wird mir unter anderem während der FinTechWeek klar, einer dreitägigen Veranstaltung, die neben FinTechs auch Banken und Blockchain-Juristen anlockt. Ich habe live über die dort diskutierten Fragestellungen über Twitter (@Corinna_Sander) berichtet: Der erste Tag hat sich dem Thema Blockchain und Bitcoin gewidmet, während am zweiten Tag die FinTech Disruptor auf dem Programm standen und die Veranstaltung am letzten Tag nochmal mit aktuellen Entwicklungen und Lösungen zu Cyber-Security abschloss. Die FinTechWeek selbst war aber nur eine von mehreren größeren wie kleineren Veranstaltungen, die aktuellen Themen stattfand.

Zu (3) Sind deutsche Banken interessant für israelische FinTechs?

Diese Frage kam tatsächlich auch bei der FinTechWeek mehrfach zur Sprache. Israel selbst ist so klein, dass die Unternehmen darauf angewiesen sind, internationale Kooperationspartner und Märkte zu erschließen. Im Blick haben die Gründer dabei aber insbesondere die USA mit ihren bekannten Innovationshotspots und Großbritannien.

Auf meine Frage, was denn mit Deutschland und der deutschen Bankenszene ist, erhalte ich meist ein eher unverbindliches „maybe“. Obwohl der deutsche Markt prinzipiell interessant sei, könnten es sich einige  FinTechs schlicht nicht leisten, mit deutschen Banken zusammenzuarbeiten. Gerade in der Phase, in der ein zügiges Wachstum erfolgskritisch ist. Zu langwierig seien oftmals die Entscheidungsfindungen und damit die Projektverläufe in Deutschland.

UK sei einfacher für viele Startups, die Kultur offener und die VC-Bereitschaft höher. Ich will wissen, was die FinTechs zum Brexit meinen. „Die wirklich coolen Märkte sind doch China und Indien. Da ist der Brexit nicht so wichtig“, höre ich immer wieder. Ich höre aber auch: „Lass uns trotzdem mal treffen. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit der Zusammenarbeit.“

Mein abschließender Tipp:

Der israelische FinTech-Markt ist sehr interessant. Ihn zu ignorieren aus meiner Sicht ein Versäumnis. Ein Screening der schier unzähligen Startups stellt jedoch eine große Herausforderung dar. Wer ein effizientes FinTech-Scouting in Israel vornehmen möchte, sollte daher mit Experten vor Ort zusammen arbeiten. Das können zum Beispiel israelische Consultants wie Equitech sein, die zum einen eine individuelle Vorfilterung der FinTechs vornehmen und zum anderen auch entsprechende Meetups vor Ort organisieren.

In meinem Fall haben mir auch Vertreter von Ernst & Young geholfen, die einen sehr guten Überblick über die FinTech-Szene vor Ort in Israel haben. Sie haben mehrere interessante Meetings mit ausgewählten FinTechs organisiert, die Lösungen entwickeln, die für uns sehr interessant sein können und die umgekehrt gerne mit einem deutschen Finanzinstitut zusammenarbeiten möchten.

28. März 2017, 7:03 Uhr

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