WeChat-Serie (Teil 4): Was WeChat gut macht

Autor: Philipp Langescheid

Im ersten Teil dieser Serie wurde WeChat als stark wachsender Anbieter digitalen und mobilen Bezahlens vorgestellt. Neben einer vertieften Analyse der technischen Ausgestaltung in Teil zwei wurde im dritten Teil die besondere Ausgestaltung des Programms untersucht. Dieses ist ein Ökosystem verschiedener, miteinander verknüpfter Anwendungen, welches aufgrund seines enormen Umfangs einem Betriebssystem nahe kommt.

Allerdings wurde WeChat als Messenger erst 2011 veröffentlicht, viele der im dritten Teil angesprochenen Funktionen folgten sogar zu noch späteren Zeitpunkten. Der in der westlichen Welt so dominante Messenger WhatsApp war hingegen mehrere Jahre früher verfügbar und ist zudem – im Gegensatz etwa zu Facebook – in China nicht blockiert. Trotzdem wird WhatsApp in praktisch allen Märkten, in denen WeChat nennenswert aktiv ist, kaum genutzt, auch nicht in Taiwan oder Südkorea, welche deutlich offener sind als China. Offensichtlich erzeugt Tencent über einige Zusatzfunktionen, mit denen ich mich in diesem letzten Teil der Serie befasse, eine hohe Bindung.

Chat-Funktionen

WeChat hatte deutlich früher als WhatsApp eine Sprach- und Videotelefoniefunktion. Mit diesem Zusatzangebot zum Chat wurde die Attraktivität der WeChat-Nutzung gesteigert und gleichzeitig Hürden für die Nutzung weiterer Funktionen abgebaut. Begünstigt wird dies auch durch die Tatsache, dass in China häufig deutlich größere Datenvolumina zu hohen Geschwindigkeiten verfügbar sind als etwa in Deutschland, was die WeChat-Telefonie zu einer echten Alternative zum regulären Anruf macht.

Außerdem ist WeChat sehr international orientiert. Es lässt sich ohne Probleme die Anwendungssprache wechseln (zur Auswahl stehen bereits ca. 25 Sprachen). Zudem bietet es eine Instant-Übersetzung innerhalb des Chats. Es ist also möglich, eine Nachricht in einer völlig fremden Sprache zu erhalten und sie durch einen Klick im Chat innerhalb von wenigen Sekunden in die gewählte Anwendungssprache zu übersetzen. Angesichts der Schwierigkeiten der ostasiatischen Bevölkerung, westliche Sprachen zu erlernen, ist dies gerade bei häufigeren internationalen Kontakten ein sehr wichtiger Aspekt, der die WeChat-Nutzung fördert.

WeChat bietet nicht zuletzt eine große und laufend erweiterte Auswahl an bewegten Emoticons. Diese  können zahlreiche Handlungen, Ausdrücke oder Wünsche symbolisieren – etwa ein Lachen, Essen, Gute-Nacht-Wunsch. Als Symbolfiguren werden (in Asien) bekannte Zeichentrickfiguren gewählt. Dank deren hoher Zugkraft und enormer Identifikation der Menschen mit den aus der Kindheit bekannten Figuren entsteht eine starke emotionale Bindung an WeChat.

„Roter Umschlag“ für Geschenke

In China werden Geldgeschenke, insbesondere zu einem besonderen Anlass wie Geburtstage, traditionell in einem roten Umschlag überreicht. Die Farbe Rot symbolisiert in China Glück. Diese Tradition hat WeChat digitalisiert. Neben dem normalen P2P-Transfer (direkte Zahlung von Person zu Person) ist es möglich, einen „roten Umschlag“ zu versenden, der ebenfalls einen P2P-Geldtransfer bedeutet. Der einzige Unterschied liegt darin, dass der Empfänger den roten Umschlag anstelle einer Nachricht über einen Transfer sieht. Gerade dies ist sehr bedeutend, da das Symbol des roten Umschlags ein starker Anreiz wäre, die Geldgeschenke weiterhin offline zu tätigen. Mit der Ermöglichung dieses kulturell bedeutenden Symbols stärkt Tencent die Bindung an WeChat und an Tenpay. Allein am chinesischen Neujahrstag wurden so über 8 Milliarden Transaktionen getätigt. An einem einzigen Tag wurde doppelt so viele Transaktionen abgewickelt, wie Paypal in einem ganzen Jahr abwickelt.

Lucky Money

Eine weitere Unterform des P2P-Geldtransfers sind digitalisierte Geldlose. Hier definiert ein Nutzer den Gewinn und verschickt das digitale Los an andere Nutzer.  Diese können es nun öffnen und mit Glück den definierten Einsatz gewinnen. Die Gewinnsumme wird vom Tenpay-Konto des Losemittenten abgezogen. Um das Los jedoch nutzen zu können, muss sich der Nutzer zuvor für Tenpay registrieren. Auf diesem Weg generiert Tenpay neue Nutzer und senkt zugleich die Hemmschwelle für eine weitere Anwendung des Bezahldienstes – WeChat wird ohnehin genutzt, nun ist man auch für die Bezahlfunktion registriert. Der soziale Bindungseffekt, insbesondere bei einem Versand in eine Gruppe, sorgt dafür, dass die Annahme kaum abgelehnt wird und auf diesem Weg den Nutzer an WeChat bindet.

Kommunikation über QR Code / Visitenkarte

Neben der expliziten Suche nach einem WeChat-Nutzernamen ist die Weitergabe der eigenen Präsenz (oder Gruppen) durch einen QR-Code möglich. Dies erfolgt über die Generierung des Codes durch den Nutzer, welcher seine Präsenz freigeben möchte und Abscannen durch den Nutzer, welcher sie empfängt. Das Abscannen kann über die Handykamera mittels WeChat-Funktion erfolgen, zusätzlich auch, wenn der QR-Code im Chat gesendet wird. WeChat verfügt über eine integrierte Funktion auch solche QR-Codes auszulesen. Mit der Präsenzweitergabe über den QR-Code kann WeChat auch als digitale Visitenkarte genutzt werden, nicht zuletzt für Geschäftsleute. Auch dies trägt enorm zu Bindung an das System bei, da das Übergeben der Visitenkarte ist in Chinas Geschäftsleben überaus wichtig ist. Durch die Digitalisierung dieser Tradition schafft WeChat kulturelle und emotionale Bindung und reduziert Nutzungshürden.

Ausblick

Von den derzeit 800 Mio. Nutzern von WeChat sind nur ca. 100 Mio. außerhalb von China zu finden, sehr viele davon in Ostasien. Auch der allergrößte Teil der in dieser Serie vorgestellten Funktionen und Besonderheiten ist nur in der chinesischen Version der App verfügbar; nicht jedoch in der Version, welche in westlichen Ländern verfügbar ist.

Dennoch ist kaum damit zu rechnen, dass Tencent sich auf die bisherigen Regionen beschränkt. Angesichts der deutlichen Vorteile gegenüber den westlichen Platzhirschen WhatsApp und Facebook Messenger  – insbesondere auch weil WeChat profitabel ist – könnte ein globaler Rollout, wie ihn der Bezahldienst des chinesischen Rivalen Alibaba  bereits anstrebt, wohl nur eine Frage der Zeit sein. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde bereits Mitte 2016 mit der 9 Mrd. Euro schweren Übernahme des finnischen Spieleherstellers Supercell getan. Womöglich werden weitere Schritte sehr schnell folgen.

8. März 2017, 7:56 Uhr

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