Finovate Europe 2017 – Klatschen bitte nur am Ende

Autor: Dr. Fabian Prystav
IMG_0594Foto: Fabian Prystav

„Bitte klatschen sie nicht am Anfang, sondern nur am Ende der Demos!“, so stimmt Finovate VP Greg Palmer das Publikum auf das wohl effizienteste Startup-Schaulaufen der Finanzbranche ein. Sieben Demo-Sessions mit 71 Fintech-Unternehmen in zwei Tagen. Willkommen zur Finovate Europe 2017 in London.

Krawatte statt Augenklappe

In den letzten Jahren hatte ich das Vergnügen schon einige Startup-Konferenzen miterleben zu dürfen. Mein jährlicher Favorit ist der Pirate Summit in Köln: Mit Chucks, Pirate-Shirt und Augenklappe zwei Tage auf einem Schrottplatz verbringen. Wirklich zuverlässig ist dabei nur die regelmäßige Unterbrechung der Sessions durch vorbeifahrende Güterzüge. Gerade deshalb ergeben sich dort vielleicht so viele Impulse und wertvolle Unterhaltungen. Die Finovate ist der genaue Gegenentwurf: Perfekte Event-Organisation, alles nach Plan und auf Hochglanz poliert. Die Anzahl der Anzüge und Krawatten im Publikum zeigt deutlich: Hier werden Startups in die Welt der Banker eingeladen und nicht andersrum.

Im Vorfeld Feuer auf allen Kanälen

Noch vor meiner Ankunft in London hat die Finovate es geschafft, mir ein schlechtes Gewissen zu machen: Ich gestehe, ich habe sämtliche Kontakt- und Meeting-Anfragen im Vorfeld schlicht ignoriert. Für diejenigen, die mengenmäßig ihr Netzwerk erweitern möchten, sicherlich genau richtig, ich persönlich fand es anstrengend: LinkedIn, Twitter, E-Mail und die eigene Event-App. Über alle Kanäle prasselten in der Woche vorher Anfragen herein. In der Intensität habe ich das noch bei keiner anderen Konferenz erlebt. Vor Ort hat das unsystematische Treibenlassen dann doch gut funktioniert, aber fürs nächste Mal nehme ich mit: Zeit einplanen fürs „Netzwerkmanagement“ im Vorfeld.

Event-Organisation in Perfektion

Gute Organisation bei einem Event erkennt man daran, dass man sie als Teilnehmer nicht mitkriegt. Im Mittelpunkt stehen die Akteure auf der Bühne und der Austausch der Teilnehmer untereinander. In der Hinsicht hat mich die Finovate echt beeindruckt: Schneller Check-in per QR-Code, super Räumlichkeiten mit guter Akkustik, durchdachte Details wie Steckdosenleisten unter allen Plätzen, eine Laptop-Lounge auf dem Balkon mit Blick auf die Bühne, App mit Agenda und Teilnehmerprofilen, tadelloses WiFi und und und – die Liste ist zu lang, um alle Aspekte aufzuzählen. Champions League. Punkt. Und trotzdem: Für den Piraten in mir einen Ticken zu perfekt und steril. Bewusst böse überspitzt: Für Emotionen war im Zeitplan kein Platz.

Sieben Minuten Zeit am Mikrofon

Das Pitch-Format der Finovate ist gut durchdacht und erfrischend. Zum einen sind die Pitches streng genommen keine Pitches sondern Demos; 71 Stück insgesamt, verteilt über sieben Demo-Sessions. Jedes Startup hat sieben Minuten, danach kommt der Gong und das Miko wird abgeschaltet. Es gibt keine Folien, nur Live-Demos. Während ich bei Konferenzen mit Panel-Diskussionen und Vorträgen parallele Tracks prima finde, hat man bei der Finovate die Chance, wirklich alle Demos mitzukriegen, da alles auf einer zentralen Bühne stattfindet. In den zahlreichen Pausen kann man im zweiten großen Raum die Stände der präsentierenden Unternehmen besuchen und persönlich Kontakt aufnehmen.

Kunstform Live-Demo

Die Qualität der Demos war insgesamt sehr gut und ausgefeilt mit sehr wenigen unfreiwillig amüsanten Ausnahmen in Form von hölzernen Pseudo-Dialogen nach bester Teleshopping-Manier. Respekt für die Präsentatoren: Die Bandbreite der Demos hat mir vor Augen geführt, wie knifflig es ist, eine gleichermaßen substanzhaltige, verständliche und unterhaltsame Live-Demo zu gestalten. Extremfall 1: Bunte Graphen, Bubbles, Formen, dauerhaft in Bewegung, unzählige Klicks – man wusste überhaupt nicht, wo man hingucken sollte, geschweige denn noch zuhören. Worum es inhaltlich ging? Keine Ahnung. Das andere Extrem: Demo bestehend aus einem quasi statischen Screenshot einer 08/15-Kontenübersicht – ging wohl inhaltlich um Identifikation. Wenn es zeigen sollte, dass diese geräuschlos und unsichtbar im Hintergrund passiert: Mission erfüllt.

Themenbarometer

Man mixe Live-Demos von 71 Unternehmen mit Gesprächen bei Heiß- und Kaltgetränken und einem gelegentlichen Blick auf Twitter und raus kommt meine methodisch in keiner Weise fundierte, sondern rein subjektive, Top 3-Liste der inhaltlichen Schwerpunkte:

(1) AI-Analyse von allem und jedem

Kein Begriff fiel in den Demos häufiger als AI (Artificial Intelligence). Daten sind im digitalen Banking der Rohstoff der Zukunft. In allen Anwendungsfeldern wird versucht aus ihnen (künstlich) intelligent Mehrwerte zu generieren, sei es im Risikomanagement, beim Mahnwesen, zur Betrugsprävention, der Portfoliooptimierung, für smarte Assistenten, finanzrelevante Twitter-Meldungen oder gleich zur Optimierung der gesamten Innovationsmanagementstrategie.

(2) ID mit Biometrik als Schlüssel-Technologie

Überrascht hat mich die hohe Anzahl von Demos zum Thema digitale Kunden-Identifizierung. Technologisch reicht die Bandbreite vom Scan eines Ausweisdokuments per Smartphone-Kamera, über das Auslesen per NFC-Chip, bis hin zu jeglichen biometrischen Merkmalen wie Fingerabdruck, Augen- oder Gesichtsscan – bei biometrischen Pässen optimalerweise alles in Kombination. Es bleibt abzuwarten, welche Lösungen sich regulatorisch, mit Blick auf Datenschutz, Sicherheit und Nutzer-Akzeptanz durchsetzen können, die Devise ist aber klar: Nie wieder Post-Ident und 4-stellige-PINs. Wer schon einmal versucht hat, seinen Ausweis zwecks Lufthansa Check-in im richtigen Belichtungswinkel in die Kamera zu halten weiß: Optimierungspotenzial gibt’s noch genügend.

(3) Alle lieben Alexa

Auch wenn der eine oder andere Marketing-Euro doch noch einmal in gebrandete Google-Cardboard-VR-Brillen geflossen ist, das neue Hype-Thema der Stunde heißt Sprachinteraktion oder cooler „Voice“. Dank der entwicklerfreundlichen Plattform dabei ganz oben in der Gunst: Alexa, die Stimme in Amazons Echo Lautsprecher. Die Kernfrage nach der aktuellen Experimentierphase wird sein, in welchen (Umgebungs-)Kontexten und für welche Use Cases Sprache als Interaktionskanal wirklich Mehrwert generiert. Eine Demo zeigte technisch eindrucksvoll, wie man per Sprach-Assistent beim Autofahren sein Portfolio restrukturieren kann – aber will man das wirklich? Finanzen sind naturgemäß ein zahlenaffines Thema. Die Kombination von Sprachinteraktion und visueller Darstellung kann ich mir gut vorstellen, ausschließlich sprachbasierte Lösungen hingegen nur für sehr enge Use Cases wie einfache Transaktionen.

Das erweiterte Feld

Neben den drei gefühlten Top-Themen gab’s die erwartete Bandbreite weiterer Finanztechnologie-Themen in vielfältigen Ausprägungen zu sehen: digitale Schließfächer, API-Provider, Kundenservice per Co-Browsing und Chat, Robo Advisor, PFM mit und ohne VR, Credit Rating, Gamification in Kombination mit Sparen oder Compliance, SME Banking, Portfoliomanagement und Payment. Durch weitgehende Abwesenheit hingegen glänzte die Blockhain.

Die Publikumspreise für die besten Demos gingen übrigens am Ende an Backbase, CREALOGIX, Dorsum, eToro, Memento, SaleMove und Tink. Hier durfte dann auch ausgiebig geklatscht werden.

Diesen Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Durchschnittliche Bewertung des Artikels: 4.90 Anzahl abgegebener Bewertungen: 10

Ähnliche Beiträge

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *