Drei Tage Ultrahack: Von Fintech bis zur mobilen Sauna

Autor: Dirk Elsner
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Drei intensive Tage liegen hinter mir. In Helsinki trafen sich am vergangenen Wochenende etwa 600 Personen zu einem der größten Hacking Events in Europa, dem Ultrahack. Hier haben die Teilnehmer nicht nur für das Finanzwesen um die Wette programmiert.

Längst hat das Hackathon-Fieber die Finanzwelt erreicht. Das haben zahlreiche Veranstaltungen dieser Art in diesem Jahr gezeigt. Wir selbst starten im Dezember bereits den zweiten Hackathon in diesem Jahr für die genossenschaftliche Finanzgruppe. Aber gegen den Ultrahack, der den Höhepunkt einer Reihe von themenübergreifenden Hackathons ist, sind unsere Hackathons bescheiden.

Hier die nackten Daten:

190 ausgewählte Projekte, 350 Teilnehmer, 30 Juroren, 150 Mentoren, zu denen auch ich gehörte, und unzählige Helfer, konzeptionierten und programmierten in einer alten, anfangs zu kalten Fabrikhalle im Stadtteil Alppila in Helsinki um den Gesamtsieg, Preisgelder, Aufmerksamkeit und Investoren.

Auf einem Hackathon (Wortschöpfung aus „Hack“ und „Marathon“) geht es nicht darum, ein System zu knacken und dort Schäden anzurichten. Die Teilnehmer sollen in begrenzter Zeit eine Idee technisch zum Leben erwecken und gemeinsam nützliche, kreative oder unterhaltsame Softwareprodukte herstellen.

Die Teilnehmer in Helsinki kamen aus verschiedenen Ländern, Fachgebieten und übrigens auch Altersstufen. Viele waren bereits in Teams angereist und hatten sich vorher erste Gedanken über eine mögliche Lösung gemacht hatten.

Kennengelernt habe ich zum Beispiel Tobias Lindener und Fabian Eitel. Beide kommen aus Deutschland und studieren gerade in Madrid Data Science (befassen sich also mit der Entwicklung von künstlicher Intelligenz). Die beiden haben bereits Consulting- und Hackathon-Erfahrung gesammelt. Sie hatten sich für den Fintech-Themenbereich („Track“) angemeldet und am Sonntag den “Investment-Butler” präsentiert. Das ist ein Service, der sich in Bank-Apps integrieren lässt und Empfehlungen gibt, die zum persönlichen Profil und den eigenen Transaktionen des Nutzers passt. Für die Empfehlungen setzen sie eine ähnliche Technologie ein, wie sie etwa auch Netflix für die Filmempfehlung verwendet. Die beiden schlugen sich gut im Fintech-Chanel. Zum großen Finale hat es ganz knapp nicht gereicht. Für genügend Aufmerksamkeit bei den beteiligten Banken haben sie aber in jedem Fall gesorgt.

Der Fintech-Chanel auf dem Ultrahack wurde maßgeblich organisiert von OP Financial Group und unterstützt von Raiffeisen Bank, DZ BANK und Rabobank. Sie gehören zum Netzwerk der Unico Banking Group, einem europäischen Verbund großer Genossenschaftsbanken. Dazu kam Unterstützung vom Open Bank Project mit einem emsigen Entwickler, der bei der Auswahl und Verwendung von etwa 120 APIs zu bankspezifischen Fragen half.

Im Gegensatz zum GenoHackathon gab es hier keine Startpitches und keine lange Teamfindungsphase. Es konnte einfach gestartet werden. Wer noch Leute suchte oder ein Team, der machte das am Schwarzen Brett deutlich. Ich empfand das Niveau der Teilnehmer als sehr hoch und habe hier viele hochmotivierte Teams mit sehr professionellen Ambitionen gesehen.

Das Finale

Zwölf verschiedene Tracks boten die Organisatoren den Teilnehmern. Aus jedem Track qualifizierten sich am Sonntagvormittag drei Finalisten, die dann am Nachmittag vor dem großen Publikum um die Preise kämpften. Das Video der finalen Pitches für den Fintech-Strang habe ich hier.

Am meisten überzeugt hat das Team von Hibbo die Juroren. Bereits am vergangenen Wochenende hatten sie ihre Idee ausgebrütet und etwas Vorarbeit geleistet (was erlaubt war). Zu ihrem Konzept gehört eine das Guthaben anzeigende Prepaid-Karte, die Eltern für ihre Kinder aufladen können, und ein entsprechendes Lesegerät. So sollen Eltern die Kontrolle über das Taschengeld behalten und die Kinder erhalten eine Karte, mit der sie sicher bezahlen können. Im fast bargeldlosen Skandinavien sicher eine naheliegendere Idee als (noch) in Deutschland.

Und was war sonst noch?

Nebenbei konnten man interessanten Personen lauschen, wie etwa Peter Vesterbacka, einem der Miterfinder des Computersuchtspiels Angry Bird. Er warb für seine Vision eines Tunnels zwischen Helsinki und Tallin. Antti Kosunen, Investor von Nesthoma Ventures, gab Hinweise, auf was Startups achten sollten. So sollten sie keine Annahmen über mögliche Kundenwünsche treffen, sondern mit den Kunden testen. Das englische Wort für Annahme heißt assume und Kosunen sagte: “Assume means ASS U ME = making an ass of you and me“. Sehr bunt wurde es mit dem tschechischen Politiker Vít Jedlička, der für seine Freie Republik Liberland warb.

Wenn man überhaupt etwas an dieser 1-A organisierten und mit viel positiver aufgeladenen Atmosphäre aufgeladenen Veranstaltung kritisieren will, dann vielleicht, dass man den Teilnehmern noch etwas mehr Zeit hätte lassen können bis zu den Präsentationen (die Trackpitches fanden bereits am Sonntagvormittag statt) und sich fast alles in einer riesigen Fabrikhalle abspielte. Rückzugsmöglichkeiten gab es also kaum, zumal es draussen zu dieser Jahreszeit eher ungemütlich war.

Einen besonderen Rückzugsort hatten die Veranstalter aber vorgesehen, nämlich eine mobile Sauna. Diese war in einem umgebauten Feuerwehrauto platziert und konnte ab dem späten Nachmittag genutzt werden. Das hatte ich bis dahin noch nie gehört. In Finnland ist das aber wohl keine Besonderheit.

Und was machen Tobias und Fabian nach dem Hackathon? Die beiden haben zwar nicht den ersten Preis abgesahnt, aber jede Menge Kontakte und das Interesse von Banken eingesammelt. Es würde mich nicht überraschen, wenn die beiden entweder bei Banken, einem anderen Dienstleister auftauchen oder sogar ihr eigenes Unternehmen gründen.

28. November 2016, 7:52 Uhr

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