Brutkästen für Startups – was versteht man unter einem Inkubator?

Autor: Michelle Berger
HHL SpinlabFoto: Dirk Elsner
HHL Spinlab

Meine Mitbewohnerin als Medizinstudentin freute sich, als ich von Inkubatoren erzählte und meinte: „Ah ja, das kenne ich auch!“. Nicht ganz. Inkubatoren sind zwar aus der Medizin als Brutkästen für Neugeborene bekannt, werden aber auch als Unternehmen immer bekannter, insbesondere im Innovationsumfeld.

Ein Inkubator bezeichnet eine Einrichtung für junge Unternehmen (Startups), die ähnlich wie der Brutkasten in der Medizin seine „Neulinge“ vor dem Umfeld schützt und somit ihre Überlebenschancen erhöht. Ein Inkubator verfolgt primär das Ziel, die Geschäftsentwicklung von Startups durch das Anbieten verschiedener Leistungen zu unterstützen. Udell (1990) definiert  Inkubatoren als „centralized physical facilities that ‚incubate‘ new and small ventures by providing them with varying support services“(Udell, 1990, S. 108).

Der erste Inkubator entstand im Jahr 1959 in Batavia, New York, im Industriesektor. Damals entwickelte sich das Konzept aus der Situation heraus, dass kein Mieter für eine große leerstehende Fläche gefunden wurde. Also vermietete man diese an einzelne, kleine, junge Teams und schuf somit eine Art Großraumbüro für junge Unternehmen. Seit der Entstehung des Konzeptes durchlief dieses verschiedene Entwicklungsstufen. Es folgte der Bedarf nach einer Unterstützung bei der Investorensuche sowie der Erweiterung des Netzwerks, um den Zugang zu Kapital und Kunden zu erleichtern. Somit änderte sich der Fokus des Inkubators von einem immobilienbezogenen zu einem geschäftsmodellbezogenen Ansatz. Eine wichtige Eigenschaft war bereits damals die Zusammenführung verschiedener junger Geschäftsleute an einem physikalischen Ort, um den Austausch untereinander zu fördern und von resultierenden Synergieeffekten zu profitieren. Dies fördert die Entwicklung aller Startups. Im Laufe der 1980er Jahre entwickelte sich das Konzept zu einem wahren wirtschaftlichen Entwicklungstool. Der Umfang der gebotenen Leistungen und der verfolgten Ziele haben sich im Laufe der Jahre verändert und sind auch von der Klassifizierung des Inkubators abhängig.

Es kann bei einem Inkubator zwischen einem reinen Coworking-Space, einem Coworking-Space-Plus und einem Company Builder unterschieden werden, wie es mir Michael Mellinghoff erklärte. Bei einem reinen Coworking-Space geht es primär darum, kostengünstige Büroräume zur Verfügung zu stellen. Beispiele sind „wework“ oder „die Zentrale“. Startups können sich weltweit kostengünstig verschiedene Arten von Räumlichkeiten mieten. Ein solches Programm ist daher insbesondere für fortgeschrittene Startups geeignet, die bereits ein bestehendes Produkt haben und mit Kunden arbeiten. Ebenso haben die Startups in dieser Phase bereits Erfahrung und benötigen weniger Unterstützung. Ein Coworking-Space-Plus ergänzt diese Leistung um die Unterstützung in Managementthemen sowie bei der Erweiterung des Netzwerks. Diese Form ist in der Finanzbranche derzeit primär mit dem Begriff eines Inkubators verbunden. Beispielsweise werden das „FinTech Hub“ der Deutschen Börse oder der „Maininkubator“ der Commerzbank als Inkubatoren definiert. An dieser Stelle ist die Entwicklungsstufe des Startups nicht ausschlaggebend, da das Programm individuell auf die Bedürfnisse angepasst wird. Ein Company Builder hingegen setzt in der Frühphase direkt nach oder während der Ideenentwicklung an. Hier geht es um die Unterstützung bei der Geschäftsgründung und die Etablierung der notwendigen Strukturen. Projekte können aus einem internen Ideenprozess entstehen, indem ermittelt wird, wo auf dem Markt noch Lücken sind. Alternativ können sich Startups auch extern mit einer Idee bewerben. Ein Company Builder behält oft einen Großteil der Anteile. Beispiele hierfür sind „Rocket internet“ oder in der Finanzbranche „Finleap“.

Prinzipiell lässt sich zwischen einem unabhängigen und einem unternehmenszugehörigen Inkubator unterscheiden. Zusätzlich lassen sich die unabhängigen Programme in öffentlich, akademisch und privat aufteilen. Öffentliche Inkubatoren werden staatlich gefördert, ein akademisches Programm ist eine eigenständige Einheit einer Hochschule. Ein privater Inkubator ist eine unabhängige dritte Gesellschaft. Öffentliche Inkubatoren verfolgen das Ziel neue Arbeitsplätze zu schaffen, indem neue Startups gegründet und neue Produkte entwickelt werden. So wird die Wirtschaft in einer bestimmten Region oder Marktsegment gefördert. Akademische Einrichtungen hoffen darauf, die gewonnenen Kenntnisse aus der Wissenschaft zu kommerzialisieren und fokussieren sich somit auf die Übertragung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Unternehmen. Nennenswerte akademische Programme sind der „Unibator“ der Goethe-Universität Frankfurt und das „HHL Spinlab“ der Leipzig Graduate School of Management. Im HHL Spinlab ist die DZ BANK Gruppe strategischer Partner und profitiert von einem direkten Austausch mit den Startups. Unternehmenszugehörige Programme, wie beispielsweise der „Maininkubator“, können in Form einer Venture-Capital-Einheit auf Gewinn ausgerichtet sein. Alternativ kann es zur Unterstützung der eigenen Forschung und zur Unterstreichung der Innovationsstärke beitragen.

Eine Bank hat dementsprechend die Wahl zwischen einer strategischen Partnerschaft mit einem unabhängigen oder der Gründung eines unternehmenszugehörigen Inkubators. Zu einer strategischen Partnerschaft gehören beispielsweise Mentorenprogramme und Workshops, die von der Bank gehalten werden. Hier besteht die Möglichkeit, neben einem Wissenstransfer die gemeinsamen Anwendungsfälle zu testen und Kooperationsmöglichkeiten zu entwickeln. Ebenso wäre eine Annährung und Übertragung der Kultur als weiteres Ziel zu nennen.

Jetzt die Frage an Sie:

Was denken Sie? Sind solche Programme ein nützliches Instrument für Startups, um sich besser zu entwickeln? Können Inkubatoren als Instrument im Innovationsmanagement für Banken gesehen werden?

Ich freue mich auf Ihre Meinungen!

 

Quellen:

Allen, D., & McCluskey, R. (1990). Structure, Policy, Services, and Performance in the Business Incubator Industry. Entrepreneurship: Theory and Practice, 15(2), 61–77.

Claryssee, B., Wright, M., & van Hoven, J. (2015). A Look Inside Accelerators: Building Businesses. Abgerufen von http://www.nesta.org.uk/publications/look-inside-accelerators

Cohen, S. (2013). What Do Accelerators Do?: Insights from Incubators and Angels. Innovations: Technology, G Governance, Globalization, 8(3-4), 19–25. doi:10.1162/INOV_a_00184 

Colombo, M., & Delmastro, M. (2002). How effective are technology incubators? Research Policy, 31(7), 1103–1122. doi:10.1016/S0048-7333(01)00178-0

Dee, N., Gill, D., Weinberg, C., & McTavish, S. (2015). Startup Support Programmes: What’s The Difference. Abgerufen von http://www.nesta.org.uk/publications/startup-support-programmes-whats-difference

Grimaldi, R., & Grandi, A. (2005). Business incubators and new venture creation: An assessment of incubating models. Technovation, 25(2), 111–121. doi:10.1016/S0166-4972(03)00076-2

Hackett, S., & Dilts, D. (2004). A Systematic Review of Business Incubation Research. The Journal of Technology Transfer, 29(1), 55–82. doi:10.1023/B:JOTT.0000011181.11952.0f

Isabelle, D. (2013). Key Factors Affecting a Technology Entrepreneur’s Choice of Incubator or Accelerator. Technology Innovation Management Review, (Februar 2013), 16–22.

Hochberg, Y. (2016). Accelerating Entrepreneurs and Ecosystems: The Seed Accelerator Model. Innovation Policy and the Economy, 16(1), 25–51. doi:10.1086/684985

Udell, G. (1990). Are Business Incubators Really Creating New Jobs by Creating New Businesses and New Products. Journal of Innovation Management,(108-22)

24. Oktober 2016, 7:55 Uhr

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